Full text: Die Landesbibliothek Kassel 1580 - 1930

Die Buchbinder-Rechnungen wurden genau nachgeprüft, und es ist recht oft vorgekommen, 
daß die angesetzten Preise „decourtiert" wurden. 
Von der den Bibliothekaren mit der fortlaufenden Bereitstellung der für Anschaffun- 
gen bewilligten Mittel gegebenen größeren ;.Wirkungsmöglichkeit hat der Nachfolger An- 
gelocrators, Johann Philipp Heppe, keinen Gebrauch machen können. Als Offizier und ehe- 
maliger Lehrer der Söhne Wilhelms VI. hatte er die Ernennung zum Bibliothekar (1673) 
wohl ausschließlich den dadurch geschaffenen Beziehungen zur landgräflichen Familie 
zu danken. Ob er sich in die neue Tätigkeit, die bei den veränderten Verhältnissen doch 
einige Anforderungen an ihn stellte, nicht einzuarbeiten vermochte, oder ob es andere 
Gründe waren, die schon 1Jahr später zu einem abermaligen Wechsel in der Leitung der 
Bibliothek führten, wissen wir nicht. Johann Sebastian Haas, 1641 in Bern geboren, war 
ebenfalls Erzieher der fürstlichen Kinder, als ihn die Landgräfin Hedwig Sophie 1674 
zum Bibliothekar und Inspektor der Kunstkainmer berief. Landgraf Karl ernannte ihn 
1686 außerdem zum Hofarchivar und Kabinettssekretär; 1697 ist er im Alter von nur 
57 Jahren gestorben. 
Um die Vermehrung der Bücherbestände zu fördern, kam auch Haas wieder auf den 
bereits von Scholasticus gemachten, von Angelocrator wiederholten Vorschlag zurück, die 
Doppelstücke, deren Zahl auf 603 gestiegen war, zu verkaufen 33); am 6. September 1677 
genehmigte Landgraf Karl den Verkauf, mit dem dann tatsächlich begonnen wurde. Das 
rief aber den Einspruch des Landgrafen Ernst von Hessen-Rotenburg hervor, der in einem 
aus Rheinfels vom 8118. Mai 1678 datierten Schreiben unter Berufung auf den Vertrag vom 
17. Dezember 1646 die Ansprüche seines Hauses auf die juristischen Doppelstücke an- 
meldete, die sich bei der Kasseler Bibliothek ergeben 34). Dieser Anspruch gründete sich auf 
den Familienvertrag vom 12. Februar 1627, durch den Landgraf Moritz - unter Vorbehalt 
anderweitiger testamentarischer Regelung - die Zukunft der Kinder aus seiner zweiten 
Ehe mit Juliane von Nassau sicherstellte; hiernach mußte die Büchersammlung bis zum 
Tode des Landgrafen Moritz ungeteilt erhalten bleiben; dann sollte aber auch sie in 
die Teilung einbezogen oder eine billige Entschädigung von seiten des regierenden Land- 
grafen geleistet werden. 1646 hatte dann das Haus Rotenburg auf diesen Anspruch ver- 
zichtet, nachdem Landgraf Moritz in seinem Testament die Unteilbarkeit der Bibliothek 
festgelegt hatte; dagegen war von Kassel das „Erbieten" gemacht worden, „wan Etwas von 
Juristischen Büchern in duplo vorhanden, das solches der FürstlichJtotenburgischen Her- 
schafft, wan sie es begehrte, ausgefolget werden, nichts destoweniger aber in dem übrigen 
der Fürstlichen Rotenburgischen Herschafft und deren Bedienten sich derselben zu ge- 
brauchen, und darzu ein freyer Access zu dem Ende nicht benommen, sondern austrück- 
lich vorbehalten sein solle"35). Darauf stützte nun Landgraf Ernst seinen Anspruch auf 
Herausgabe der vorhandenen juristischen Doppelstücke und Schadloshaltung für die be- 
reits verkauften; zur Sicherung seiner Forderung verlangte er für seinen Beauftragten Ries 
freien Zutritt zur Bibliothek, sowie die Vorlage eines Verzeichnisses der Doppelstücke. 
Landgraf Ernst übersah - oder wollte vielleicht nicht sehen -, wie anfechtbar die 
Begründung seiner Forderung war; er fügte selbst einen Auszug aus dem Abschied vom 
17. Dezember 1646 an, mußte sich also dessen bewußt sein, daß sein Wortlaut keine aus- 
reichende Grundlage für ein derartiges Verlangen bot. Trotzdem ließ der Landgraf in 
33) Eingabe von Haas und Verfügung des Landgrafen (Entwurf) d. d. 6. IX. 1677. A. L. B. 
34) Schreiben Ernsts von Hessen-Rotenburg an Landgraf Karl. A. L. B. I, 2. 
35) Abdruck Derer zwischen dem Hoch-Fürstl. Regier. Hause Hessen-Cassel Und der Abgetheilten 
Fürstl. Rotenburgischen Linie Wegen der Quart errichteten Verträge. Cassel, 1642. S. 7.25. _ Schreiben des 
Rudolphus Scholasticus, d. d. 4. Januar 1653. A. L. B.
        

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