Full text: Die Landesbibliothek Kassel 1580 - 1930

Warum Johannes Buch am 1.Januar 1593 unvermutet wieder auftritt und vom 
Landgrafen Moritz wiederum verpflichtet wird, „die Fürstliche Bibliothec, Mappen und 
instrumenta mathematica in guter Verwahrung und inventario zu halten", dafür fehlt in 
den Akten jeder Anhalt. Man darf also wohl kaum annehmen, daß Buch 1588 bei dem 
Landgrafen Wilhelm in Ungnade gefallen und deshalb aus seinem Amte geschieden sei; 
dann wäre die Zurückberufung durch Moritz eine Demonstration gewesen, für die jedes 
Vergleichsbeispiel und damit jede Wahrscheinlichkeit fehlt. Näher liegt schon die Ver- 
mutung, daß Rücksicht auf seine Gesundheit den damals bereits 73jährigen veranlaßte, 
auf das Amt zu verzichten. Nach wiedereingetretener Kräftigung mochte dann Moritz Ver- 
anlassung genommen haben, seinen treuen Lehrer, den bewährten Diener seines Hauses 
wieder heranzuziehen. Er konnte das offenbar tun, ohne Bodingus zu schädigen, der seine 
Stellung als Notar und Anwalt in Kassel auch während seiner Bibliothekarzeit nicht aufge- 
geben hatte _ als solcher wird er in Rechtsurkunden aus den Jahren 1582, 1592 und 1597 
bezeugt. Übrigens hatte auch Buch die Leitung der Bibliothek nur im „Nebenamt" ge- 
führt, da er nicht nur Batsherr der Stadt Kassel blieb', sondern auch die Inspektion der 
beiden fürstlichen Lustgärten innehatte. 
In dieser erneuten Amtsführung ist Buch nach außen nicht mehr hervorgetreten; 
die Akten melden nichts von Bücherankäufen und dergl. - nur ein Angebot wird ver- 
zeichnet, das ein Hofdiener des Erzherzogs Ernst von Österreich, Paul Strada, für die von 
seinem Vater, dem KaiserLAntiquarius Jakob Strada, hinterlassenen Bücher und Hand- 
schriften machte, dem aber nicht nähergetreten wurde - der Grund der Ablehnung wird 
nicht angegeben. Am 1. Juni 1598 wurde Buch endgültig abgelöst; ein Jahr später, in der 
zweiten Hälfte des September (der Tag ist nicht bekannt) ist er 84 Jahre alt gestorben und 
am 29. September 1599 beerdigt worden 2). _ 
Buchs Ausscheiden bezeichnet einen ersten Einschnitt in der Geschichte der Biblio- 
thek, deren Geschick bis dahin von dem starken Willen und dem unermüdlichen Eifer ihres 
Begründers bestimmt worden war. Seiner Tatkraft war es gelungen, aus bescheidenen 
Beständen durch geschickte Erwerbungen und Ankäufe den Grundstock einer für ihre Zeit 
beachtlichen Bibliothek zu schaffen, die er in dem auf deren Begründung noch folgenden 
Jahrzwölft seiner Regierung und ihrer Nachwirkung um mehr als 50 Prozent ihres ur- 
sprünglichen Bestandes zu vermehren wußte; es wird dem tatsächlichen Stand nahekom- 
men, wenn man die Zahl der in der Bibliothek -im Jahre 1598 vorhandenen Werke auf unge- 
fähr 800 veranschlagt. Buchs Nachfolger wurde abermals Johannes Rodingus, der in- 
zwischen Verwaltungsgerichtsschreiber geworden war und am 1. Juni 1598 erneut mit der 
Leitung der Bibliothek „und anderen Sachen, wozu wir dan ihn gnedige gebrauchen wer- 
den lassen", betraut wurde. Als „salarium" wurden ihm neben allerhand Naturalien und 
seinem „deputato mensae, nämlich 1 dicken oder spanischen Thaler wöchentlich" mit 
Wirkung vom 1.0ktober 1597 jährlich 80 fl. zugebilligt. Diese Regelung seiner Bezüge 
beweist, daß er bei Landgraf Moritz in gutem Ansehen stand. Um so mehr muß es auffallen, 
daß er nach kaum zwei Jahren abermals und nun endgültig aus dem Amt schied: am 1. Mai 
1600 wird dem „gewesenen Bibliothekar" Rodingus ein Privileg für seinen Garten vor dem 
Ahnaberger Tor verliehen. Auch diesmal war die Trennung von dem Landesherrn ohne 
Verstimmung erfolgt; besitzen wir doch ein lateinisches Gedicht, mit dem er den Landgrafen 
am 10.Mai 1601 grüßt. Wenige Jahre später, am 17. November 1607, zog ihn Moritz als 
Appellationsrat wieder in seine Dienste. In dieser Stellung scheint er bis zu seinem Tode 
- der Zeitpunkt seines Ablebens ist nicht bekannt - verblieben zu sein; wenigstens 
2) Für seinen Lebensgang vergLDuncker, Albert, Landgraf Wilhelm IV. von Hessen, genannt der 
Weise, und die Begründung der Bibliothek zu Kassel im Jahre 1580. Kassel 1881. S. 7ff.
	        

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