Full text: Die Landesbibliothek Kassel 1580 - 1930

vnndt zu bekommen seindt, Sondern auch was vor Zeitten die Munche geschrieben, die 
nicht mehr gedruckt, vielweniger gelesen werden", gerne haben, „damit man daraus nicht 
Alleinn mutationes temporum, sondern auch doctrinae, Vnndt was zu Ihder Zeitt gelert und 
geglaubtt worden, zusehen hette". Es sind nicht weniger als 61 Werke, die er in einem 
diesem Briefe beigefügten Verzeichnis einzeln aufführt und deren Überlassung er von seinem 
Bruder verlangt. Um seiner recht weitgehenden Forderung Nachdruck zu geben, weist er 
darauf hin, daß er mit der „Bibell editionis Hispanicae, so wir Ihnen schon verehret", der 
Marburger Bibliothek ein Geschenk gemacht habe, dessen Wert den der angeforderten 
Werke weit übersteige. 
Es handelt sich bei diesem Geschenk um eine achtbändige Polyglottenbibel, die der 
König von Spanien 1569 in Antwerpen hatte drucken, und die Wilhelm Weihnachten 
1573 durch Johann Buch der Universität hatte überbringen lassen - das Schenkungsschrei- 
ben ist vom 22. Februar 1574 datiert. Diese Bibel ist dann durch den Teilungsvertrag vom 
14. Dezember 1627 in das Eigentum der Universitätsbibliothek Gießen übergegangen. 
Landgraf Ludwig hat gar keinen Versuch gemacht, die Forderung seines Bruders, 
durch die der Marburger Bibliothek rund ein Zehntel ihres gesamten Bestandes entzogen 
werden sollte, herabzumindern oder gar abzulehnen -- er teilt ihm vielmehr mit einer 
überraschenden Bereitwilligkeit und Eile umgehend mit, daß er das Ansuchen den Pro- 
fessoren habe anzeigen lassen, „vnd haben sich darauf wilfährig Erklert, als wollen wir 
die Versehung thun, das sie furderlich auffgesucht, Zusammen gepackt nach Ziegenhain 
E. L. Hauptmann daselbst beneben einem eigentlichen verzeichnus verwahrlich zupracht 
werden sollen". Und schon am 28. Januar meldet er nach Kassel, daß die Sendung an 
„E. L. Hauptmann zu Ziegenhain, Eiteln von Berlipsch" abgegangen ist. Die Wunschliste 
Wilhelms verzeichnet neben zahlreichen Predigtbüchern Ausgaben von Kirchenvätern und 
Scholastikern, von denen einzelne in Kassel schon vorhandene durch die erlangten ergänzt 
werden sollten. Vier der gewünschten Werke konnten nicht geliefert werden: Cyrilli opera 
Graece, Summa Rosella de Casibus Conscientiae und Sermones Gertrandi Cardinalis waren 
nicht vorhanden und „Michaelum Franciscum de tempore adventus Antichristi hatt mann 
dissmal nicht findenn koennen, mag vielleicht bey anderen bucheren, so hiebevor E. Gn. 
vberschickt wordenn, gebunden sein". Dafür kamen aber 33 nicht verlangte Werke, die 
mit anderen zusammengebunden und z. T. recht bedeutsam waren, hinzu, sodaß die ge- 
samte Übereignung sich auf 90 Werke belief, die in 56_Bände gebunden waren. Von diesen 
sind 21 Werke, darunter 3 handschriftliche, noch heute in der Landesbibliothek nachweis- 
bar; die übrigen entziehen sich bei den ganz allgemein gehaltenen Angaben des Verzeich- 
nisses jeder Nachprüfung. 
Am 5. September 1582 erwirbt der Landgraf für 65 fl. die Büchersammlung des 
Nicolaus Bodingus, gewesenen Pfarrherrn zu Marburg. Dieser war 1519 in Treysa geboren, 
hatte in Marburg studiert und war schon im 18. Lebensjahr Lehrer an der Schule seiner 
Vaterstadt geworden. Er nahm aber 1538 das Studium nochmals auf, wurde Magister und 
gleichzeitig Rektor an der dortigen Stadtschule. 1541 ging er ins Ausland, kehrte 1543 
zurück, um Johannes Buch in der Unterweisung der Kinder Philipps des Großmütigen zu 
unterstützen. 1554 Prediger in Melsungen, wurde er 1555 zum gleichen Amt nach Marburg 
berufen und 1576 Professor der Theologie. Am 23. September 1580 ist er in Marburg ge- 
storben. Seine recht beträchtliche Bibliothek umfaßte 113 Werke, vor allem theologische, 
dann aber auch zahlreiche historische Schriften. 
Daß Wilhelm jede Gelegenheit zu Bücherankäufen benutzte, beweist auch der Auf- 
trag, den er im Jahre 1583 seinem Diener Henrich Ebell für seine Reise nach den Nieder-
	        

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