Full text: Die Landesbibliothek Kassel 1580 - 1930

Geschichte und kunsthistorische Bedeutung: 
Wir haben eins der späten handschriftlichen Breviere vor uns, ein Gebet- und Er- 
bauungsbuch für Laien, bei dem mehr noch als bei den bisher beschriebenen der kirch- 
liche Zweck völlig zurücktrat und der künstlerische die alleinige Hauptsache war. Es stammt 
aus einer Zeit, da die Miniaturmalerei unter dem Einfluß der Tafelmalerei in ihrer Eigenart 
langsam zurückging, sich notgedrungen dem Stil der größeren Schwester anpaßte und sich 
zugleich gegen den aufkommenden Buchdruck behaupten mußte. Aus den bereits ange- 
deuteten Schicksalen der Handschrift wurde schon allzu deutlich, daß man sie zunächst 
in ihrer Eigenart und in ihrem besonderen Wert nicht sehr wichtig nahm. Franz Kugler 
1832, dann J.Biehler 1861 und Wilhelm Lotz in seiner „Statistik der deutschen Kunst" 
1862 boten nur ein paar Notizen. Unterschieden wurde schon zwischen niederländi- 
schen und nürnbergischen (Beham, Glockendon) Miniaturen. Eine ausführlichere Beschrei- 
bung gab 1877 der Kunsthistoriker A. Woltmann, die in Abschrift der Handschrift beiliegt. 
Den entscheidenden wissenschaftlichen Anstoß zu einer ernsthaften Diskussion über die 
kunsthistorischen Probleme des Gebetbuches gab 1894 der Brüsseler Museumsdirektor 
Destree durch die Verknüpfung mit dem Breviarium Grimani und die Aufrollung der Horen- 
bout-Autorfrage, deren reiches Für und Wider von de Raadt, W auters, Durrieu u. a. bis hin 
zu Winkler, Kaemmerer, Dörnhöffer und Hulin de Loo uns leider immer noch keine be- 
friedigende Lösung gebracht hat, ja in neuester Zeit die mühsam gewonnenen Ergebnisse 
wieder vollständig zu erschüttern droht, so daß wir wohl reumütig zu dem großen Unbe- 
kannten zurückkehren müssen. 
Behmnbilder: Schon Woltmann stellte die Apostelbilder von Hans Sebald Beham 
(T 1550), dem Nürnberger Kupferstecher und Maler, der als Schüler Dürers gilt, auch der 
unrechtmäßigen Benutzung Dürer'scher Manuskripte wohl beschuldigt wurde, sehr hoch. 
Zunächst meinte er allerdings, daß sie mit viel Geschick gemacht und des Jan Beham nicht 
unwert seien, er ließ sogar die Möglichkeit offen, daß sie vielleicht auch nur nach Stichen 
von ihm gefertigt seien, betont dann aber in einer Schlußbemerkung, es seien Meister- 
werke, die fast Behams Arbeiten im Gebetbuch der Aschaffenburger Bibliothek noch über- 
treffen. Dieser Ansicht kann man nur rückhaltlos beipflichten. Die vorliegenden Arbeiten 
sind überaus feine geistvolle, linienmäßig und farblich abgestimmte Proben der Beham- 
schen Illustrationskunst. Da man weiß, daß er das Aschaffenburger Gebetbuch für den 
Kardinal Albrecht von Brandenburg am 4.3.1531 (lt. eigenhändigem Eintrag des Erz- 
bischofs) am Hofe des Kardinals in Mainz oder in Aschaffenburg vollendete, so gibt das 
auch einen gewissen zeitlichen Anhalt für unsere drei Miniaturen, die übrigens in der 
architektonischen Umrahmung den Blättern des Aschaffenburger Gebetbuches fast gleichen. 
Nach v. d. Gabelentz (S. 62) ist die Charakteristik der Gestalten ziemlich oberflächlich. 
Beham hat in der gleichen Zeit außerdem für den Erzbischof noch eine berühmte (jetzt 
im Louvre befindliche) Tischplatte bemalt und das erzbischöfliche Wappen zu einem Ex 
libris in Kupfer gestochen. 
Glockendonbilder: Während so über die Behambilder von Anfang an kaum Zweifel 
herrschten, war man sich ebenso über die solide Tüchtigkeit und mindere Qualität der 
eigentlichen Glockendonbilder [Bl. 23-432 u. 44] von Nikolaus dem Älteren einig, der als 
die bedeutendste Persönlichkeit der Nürnberger Künstlerfamilie gilt, ebenfalls mehrfach 
für den Kardinal Erzbischof von Mainz (Missale, Meditationes) tätig war und dabei wie 
auch sonst öfter Behams Mitarbeiter wurde. Woltmann nannte die von ihm beigesteuerten 
Bilder „von Verdienst"; Beinach, der 1906 auf einer Reise die Stücke ansah, beurteilte 
sie als wassez mediocresr. Gröber und auch abweichend in seinem größeren Format ist die 
letzte von Glockendon selbst gezeichnete Arbeit (Kindermord), die den Beschluß des Buches
	        

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