Full text: Die Landesbibliothek Kassel 1580 - 1930

Ausführung der Wappen selbst als unzulängliche Probeblätter zu betrachten. Bei beiden ist 
3. Stettin irrtümlich silbern statt blau grundiert, bei Bl.4 ist das Silber stark verwischt, 
als 0b eine nachträgliche Änderung versucht wurde. Außerdem stehen jedesmal Löwe und 
Greif rechts heraldisch falsch. Bei Bl. 1 sind diese Mängel beseitigt, außerdem ist die Zahl 
der Felder wesentlich vermehrt, mithin kann wohl nur dieses Wappen als das gelten, das 
den Kardinal-Erzbischof befriedigtes Aus der Gleichartigkeit der architektonischen Um- 
rahmung mit den Glockendon-Bildern (vgl. z.B.Bl. 23 etc.) läßt sich wohl mit Sicherheit 
folgern, daß die Wappen aus der Werkstatt Glockendons stammen, vielleicht sind die zwei 
mißlungenen Schülerarbeiten, während das vollständigere von Nikolaus Glockendon selbst 
herrührt. Auch Destree (Bulletin, S. 119) urteilt, daß die Wappen von deutscher Hand 
seien, wobei er die kleine Bosheit nicht unterdrücken konnte, daß der berühmte Erzbischof 
eben seine Leute richtig einzuschätzen wußte. Ähnlich soll es übrigens nach Destree in dem 
Livre diheures des Albrecht von Brandenburg sein, das sich in unbekanntem amerikanischem 
Privatbesitz befindet und das er S. 85 f. kurz beschreibt. 
Als weiteres Eigentumssignet beansprucht dann noch das Wappen auf Bl.15, das 
zwischen zwei Säulen von zwei sitzenden Engelsgestalten gehalten wird, unsere besondere 
Beachtung. Der Wappenschild, längs- und quergespalten, mit vier Feldern, von denen sich 
ie zwei über Kreuz entsprechen, und einem quergeteilten Mittelschild von Gold und Schwarz 
zeigt rechts oben und links unten einen naturfarbenen Esel im Silberfeld, links oben und 
rechts unten dreifache Teilung (rot-silber-rot) und im silbernen Mittelfeld den heiligen 
Sebaldus mit dem Modell seines Nürnberger Gotteshauses. Auf dem unteren Sockel steht 
die Inschrift: Melchior Pfinczing ' Eccle[siarum] ' S[ancti] ' Albani ' et ' S[ancti] ' Sebaldi ' 
Mog[untinensis] " ac ' Nurßmbergensis] ' P[repositus] - Ca[nonicus] - Tri[dentinusl ' 
Ces[areus] - Con[siliarius] fe[cit] ' d. h. der Dompropst zu St. Sebald in Nürnberg und zu 
St. Alban in Mainz Melchior Pfinzing, der bekannte Sekretär Kaisers Maximilians I. (1481 
bis 1535) malte sich das Wappen in der Manier der Nürnberger, aber ziemlich unbeholfen 
und dilettantisch selbst. Woltmann bezeichnete es als fleißig aber geistlos. 
Herkunft: 
Wie die Majuskeln auf dem Renaissance-Einband aus weißem Schweinsleder mit 
Goldpressung über der inneren Umrandung:   uns verraten, war 
das Stundenbuch in der Folgezeit noch im Besitze des J [ohann] A[lbrecht I.] H[erzog] zlu] 
M[ecklenburg], der seit 1547 zunächst in Güstrow, seit 1555 in Schwerin regierte. Selbst ein 
Kunstfreund und Liebhaber humanistischer Studien mit weit reichenden gelehrten und 
künstlerischen Beziehungen machte er aus Schwerin ein nordisches Florenz. Daß dieser 
Herzog der Eigentümer im 16. Jahrhundert war, zeigt die den Initialen auf dem unteren 
Bande entsprechende Jahreszahl 1569. Allerdings läßt sich nicht sagen, wie der Herzog in 
den Besitz der Handschrift kam. Vielleicht wird einmal ein freundlicher Zufall und glück- 
licher Fund in den Kabinettsrechnungen des mecklenburgischen Landesarchivs, wie schon 
Brunner hoffnungsvoll aussprach, diese vorläufig verborgene Spur aufdecken. Anschei- 
nend ist das Stundenbuch dann im Besitz der Fürstenfamilie verblieben, trotz Vormund- 
schaft und Streitigkeiten wohl gehütet worden und so auf Hans Albrecht II. von Mecklen- 
burg-Güstrow gekommen, der sich in zweiter Ehe am 25. März 1618 mit Elisabeth, der 
schöngeistigen und dichterisch hochbegabten Tochter des Landgrafen Moritz von Hessen 
vermählte und ihr - da die Livres d'heures besonders bei Frauen beliebt waren, -- die 
Handschrift verehrte. Sie starb bereits 1625 kinderlos. Aus ihrem Nachlaß ist dann wohl 
die Handschrift nach Kassel in die landgräfliche Bibliothek gekommen. 
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