Full text: Die Landesbibliothek Kassel 1580 - 1930

zu einer Miniatur in einem D einen bartlosen König, dem eine Hand (Gottes Hand) die 
Krone aufsetzen soll. Es ist bei Dom. I. post pentec. Das gleiche Motiv mit der Krone und 
der Hand wies Fischer auch im Regensburger Sacramentar Heinrichs II. nach. 
Entstehung: 
Sehen wir zunächst von allen späteren Zusätzen ab, so bietet die Handschrift einen 
Anhalt für den Hauptschreiber durch eine Notiz aus der Zeit um 1500, die auf dem ersten 
Pergamentblatt ( das ursprünglich an dem vorderen Deckel eines früheren Einbandes fest 
geklebt war) steht. Sie lautet: l per Inanu [m] Marti Capellani l gloriosis. Henrici Impera. l 
semp[er] Aug. Anno MXX l Hec scripta erant l in giro extrinsecus l p[ri]me co[m]pactionis 
h [uius] l libelli und besagt, daß ein Kapellan Marcus, ein Mitglied der Kaiserlichen Hof- 
geistlichkeit Heinrichs II. 1020 das alte Gesangbuch geschrieben habe. In der Tat finden 
wir Bl. 91 P und dann noch einmal Bl. 162 1' b'ei der Heiligenlitanei die Fürbitten für Papst 
Benedikt (1012-1024},für Kaiser Heinrich und Kaiserin Kunigunde. Da Heinrich II. 
1014 zum Kaiser gekrönt wurde und 1024 starb, wird also die Datierung 1020 bestätigt. 
Hierzu würden auch die Persönlichkeiten der Litanei in dem als spätern Anhang ge- 
kennzeichneten Teil Bl. 192 P nicht in Widerspruch stehen, die Fischer wohl mit Sicherheit 
als Kaiser Heinrich V. (1106-1125), Erzbischof Adalbert von Mainz (1111-1137} und 
Äbtissin Gisela von Kaufungen identifiziert hat. 
Fischer hat auf Grund von Schriftcharakter und Schreibleistung, von Ausführung 
und Ausstattung die Heimat der Kasseler Handschrift noch näher zu bestimmen versucht 
und sie dem Kloster Seeon zugewiesen, wo sie von dem genannten Kapellan Marcus, der 
wohl der ersten Generation des etwa seit 1000 bestehenden Klosters angehörte und viel- 
leicht aus der Regensburger Schule kam, auf Bestellung Kaiser Heinrichs geschrieben 
wurde und sicherlich zusammen mit den Bamberger Gradualien und einem Bamberger 
Regelbuch, das Abt Gerhard für Heinrich anfertigen ließ, entstanden ist. Fischer wies 
auch darauf hin, daß die Handschrift jetzt zwar einen einfachen gepreßten Ledereinband 
mit Lederschließen habe, dieser aber wahrscheinlich um 1500 neu an die Stelle eines 
älteren kostbareren getreten sei, was zum Eintrag auf dem Vorblatt ungefähr stimmen 
würde. Denn die eigenartige Form des Graduales, die sich auch bei den Bamberger Gebet- 
büchern wiederfinde, stamme nicht etwa von der Größe des Pergamentes her, sondern 
offenbar von einem besonderen bereits vorhandenen Einbandschmuck (Elfenbeindecke 
oder ähnliches), nach dem dann das Pergament für das Gesangbuch zurechtgeschnitten 
wurde. 
Geschichte: 
In der Literatur taucht das Graduale zuerst bei Joh. Philipp Kuchenbecker 1730 auf, 
der durch den Rat Joh. Herrn. Schmincke das Breviarium sah, dann hat es Friedr. Chr. 
Schmincke in seiner „Beschreibung" 1767 (S. 209) natürlich nicht vergessen und auch 
Pertz registriert es 1838 im Archiv. H. Janitschek versuchte es bereits um 1886 kunst- 
historisch zu würdigen. Doch verdanken wir die Klärung der mit der Handschrift zu- 
sammenhiingenden Fragen erst den Untersuchungen Hans Fischers. Er hat zugleich die 
Irrtümer beseitigt, die durch die Darstellung Janitscheks in die kunsthistorische Literatur 
sich eingeschlichen hatten. Dieser gab unrichtige Maße für die Initialen und unrichtige 
Blattbezeichnungen an, nannte (offenbar durch einen alten Eintrag auf dem Vorsatzblatt 
verleitet) das Werk ein Psalterium und brachte es fälschlich mit dem völlig anders ge- 
arteten Bamberger Missale (resp.Lütticher Sacramentar) in Beziehung, was sich nach 
Fischer nur mit einem Gedächtnisirrtum erklären läßt.
	        

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