Full text: Die Landesbibliothek Kassel 1580 - 1930

6. B1. 38" ein Kentaur mit vierbeinigem Tierleib, Frauenoberkörper, und lang be- 
haartem Kopf; er trägt in der einen Hand eine Pflanze, in der anderen einen buschartigen 
Zweig oder ein großes Blatt. Inschrift darüber: CTITRS M _S_, ist als ein Centaureus medicus 
salutaris gedeutet. Vielleicht hat der Maler an den Kentauren Chiron, der Heilpflanzen ent- 
deckte und als Wundarzt gilt, gedacht, denn dieser gehört, wie der Wiener Dioskurides 
zeigt, durchaus in diesen Zusammenhang. 
Pflanzenbild: B1. 40 P einfach stilisierte dreistilige Abbildung der herba betonica mit 
drei Blütendolden und 29 Blättern, auch die Wurzel ist mit ihren Fasern angedeutet. 
Die Figurenbilder stehen ähnlichen Erzeugnissen der karolingischen Zeit noch sehr 
nahe, insbesondere manchen Evangeliar-Miniaturen dieser Epoche. (Vgl. vor allem die 
Werke der Ada-Gruppe.) In der Schwere und Wucht des Zeichnerischen, der Starrheit der 
Bildrhythmik, der Härte der Farbenskala, in der übertriebenen Betonung der flächigen 
Umrißplastik und in den nachdrücklichen Faltenkurven weisen sie weit über die eigent- 
liche Entstehungszeit der Handschrift hinaus nach rückwärts. Goldschmidt vermutete, da 
die Handschrift lange in Fulda gewesen wäre, daß sie auch wohl dort hergestellt sei, aber 
wahrscheinlich nach einer süditalienischen Vorlage. Einen Beweis hierfür sieht er in der 
Verwandtschaft des Kasseler Manuskriptes mit einer älteren Handschrift in Leiden [Voss. 
Qu. 9] aus dem 7. Jahrhundert, die (übrigens auch in der Blätterlage stark verwirrt) eben- 
falls süditalischen Ursprungs zu sein scheint. Dafür, daß die Bilder von anderswoher zu- 
fällig hineinkopiert und nicht als organischer Buchschmuck ursprünglich vorgesehen 
waren, mag auch sprechen, daß sie auf bereits mit dem Griffel linierten Blättern gemalt 
wurden. Es ist gewiß nicht allzu schwer die großen verbindenden Kulturlinien Ostrom- 
llnteritalien-England-Fulda mit Hilfe der kirchlichen Mission angelsächsischer Mönche 
zu ziehen, wenn es sonst gelingt, diese Kombinationen noch anderweitig zu stützen. 
Beigabe: 
Eine etwa 1786 von Professor Conrad Möncb"(1744-1805) niedergeschriebene 
(weder Datum noch Verfassernamen tragende) aNälChflßllt von dem in der fürstlichen Bib- 
liothek befindlichen Botanischen Manuskriptr, die auf Grund einer Vergleichung mit der 
frühen Druck-Ausgabe von Humelberg (1537), die von Mönch irrtümlich für die einzige 
Edition gehalten wurde und nach Durchsicht von Hallers, Seguiers und Linne's botanischen 
Werken die Einzelheiten des Textes kurz erläuterte. Er erwähnt dabei auch die 113 Pflan- 
zenillustrationen, wdie aber alle nichts taugen und sehr ungestallt Sinda, und von den 
übrigen Bildern den Kentaur, Ypocras und Apollo. Das Ergebnis der Untersuchung wurde 
von ihm 1787 in Baldingers Medizinischem Journal wesentlich erweitert veröffentlicht, wo 
er sein abfälliges Urteil über die Pflanzenabbildungen noch verschärfte: „die meisten 
Zeichnungen in dem Manuskript sind aber so undeutlich, daß man garnichts davon wahres 
sagen kann  ich glaube, daß sie willkürlich von dem Schreiber sind hingesetzt worden. 
Denn hätte sie der alte römische Arzt abgebildet, so würde er gewiß der Natur treuere 
Schilderungen entworfen habenß 
_Entstehung: 
Im Handschriftenkatalog ist das Manuskript auf 9.-10. Jahrhundert datiert; als 
einziges Kriterium kann nur die Schrift herangezogen werden, da bei den Bildern je nach 
Original oder Kopie die Zeitgrenzen schwanken. Nach Goldschmidt ist es „möglicherweise 
in Fulda geschrieben, wo die Handschrift sich lange befand". Worauf sich diese Annahme 
stützt, habe ich nicht ergründen können, da in den Katalogen von Kindlinger bis zu Falk-
	        

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