Full text: Die Landesbibliothek Kassel 1580 - 1930

Wenn hier der erste Versuch unternommen wird, in einer zusammenfassenden Dar- 
stellung die wertvollsten Handschriften der Kasseler Landesbibliothek, die sonst unter Glas 
in verschlossenen Ausstellungskästen oder hinter wohl versicherten Türen aufbewahrt 
werden, einer größern Öffentlichkeit zu dauerndem Besitz ein Beschreibung, Deutung und 
teilweiser Reproduktion zugänglich zu machen, so bedarf das für den Kenner kaum einer 
besonderen Begründung, denn immer noch ist die Welt der alten vergilbten Pergamente das 
interessanteste und anregendste Kapitel im Leben der Bibliotheken. Die Geheimnisse, die 
sie umspinnen, sorgen schon dafür, daß sie nicht zu versteinerten Denkmalen in ver- 
staubten Mausoleen werden, und wo diese Schöpfungen ewigen Wissensdranges in die 
verschiedensten Sphären des erobernden Menschengeistes hinausgreifen, da spiegeln sie 
über die Jahrhunderte hin in ihren Gedanken und Erkenntnissen, in ihrer Schrift und ihren 
Bildern einen unendlich vielgestaltigen Mikrokosmos wider, den auch der ehrfürchtig be- 
trachten und bewundern wird, den nicht nur fachlicher Ehrgeiz zu den Schätzen der Ver- 
gangenheit treibt. 
Da es sich in diesem Falle nicht um die Gewinnung vorgezeichneter Ergebnisse in 
der bestimmten Richtung einer Wissenschaft, um eine paläographische, philologische oder 
kunsthistorischeiAbhandlung oder Übersicht handelt, sondern um die Einordnung eines 
kostbaren geistigen Besitzes, den das Hessenland in seiner Landesbibliothek für künftige 
Generationen hütet, in das Gesamtbild seiner und aller geschichtlichen Entwicklung, so 
glaubte ich von der einfachen Inventarisierung mit ihren knappen formelhaften Angaben 
und statistischen Literaturnachweisen, wie sie dem einzelnen Fachwissenschaftler für seine 
Zwecke genügen mögen, abgehen zu müssen. Ich habe in den mir durch Umfang und 
Methode gezogenen Grenzen stets neben dem Äußern einer Handschrift auch ihre inhalt- 
liehen Momente und vor allem ihre Wirkung nach den verschiedenen Seiten hin aufzu- 
klären versucht. Durch die Gliederung nach einzelnen Handschriften in literarhistorischer 
Folge wird gewiß der behandelte Stoff in eine Fülle von Einzelb'etrachtungen zerlegt, aber 
wer den weiten Umkreis der herangezogenen Werke überblickt, das griechische, lateinische, 
deutsche, italienische und französische Schrifttum vom Thukydides bis zum Hildebrands- 
lied und Alsfelder Passionsspiel, vom karolingischen Pflanzenbuch bis zum Livre d'heures 
und Stein der Weisen des ausgehenden Mittelalters, der findet hier wirklich ein Stück 
kosmopolitischer Universalität in buchgeschichtlicher und buchkünstlerischer Perspektive. 
So kristallisiert sich aus dem Zusammenwachsen aller dieser manchmal höchst seltsamen 
Bücherschicksale, die alinungsvoll hineinleuchten in den geistigen Schaffenskreis des mittel- 
alterlichen Menschen, dem Tieferschauenden ein Gesamtbild, das in den überall betonten 
engen Beziehungen zu der Stätte, an die sie kluge Voraussicht oder freundlicher Zufall 
gebannt hat, zugleich ein wertvoller Beitrag zur hessischen Geistesgeschichte und darüber 
hinaus zur deutschen Kulturgeschichte sein möchte.
        

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