Full text: Die Landesbibliothek Kassel 1580 - 1930

bar gemacht wurden. Eine im Jahre 1924 vorgenommene Überprüfung schaffte denn auch 
an diesen beiden Punkten grundlegenden Wandel. Der Beirat kann sich nun zu dem 
Bericht des Direktors über die Neuanschaffungen gutachtlich äußern, auch selbst Vor- 
schläge für Anschaffungen machen. Außerdem gehören ihm nun außer den sechs vom 
Landesausschuß zu wählenden Mitgliedern die wissenschaftlichen Beamten der Bibliothek 
mit vollen Rechten an. In Verbindung damit wurde auch die Dienstanweisung für die 
Beamten dahin geändert, daß der Direktor „für die Fortführun-g und Ergänzung der Be- 
stände der Bibliothek verantwortlich" ist; „die Beschlußfassung über Neuanschaffungen 
usw. erfolgt in nach Bedarf abzuhaltenden Besprechungen mit den wissenschaftlichen 
Beamten. Hierbei sind die durch den Beirat gegebenen Richtlinien und Anregungen zu 
berücksichtigen." 
Der Anschaffungsverlag war zwei Jahrzehnte lang unverändert auf 11000 Mk. ge- 
halten worden; gelegentlich der Neuordnung der Bibliothek wurde er um 3000 Mk. ver- 
mehrt. So erfreulich diese Erhöhung war -- sie reichte nicht aus, um den schweren 
Schaden, den die Bibliothek durch den Stillstand in den vorausgegangenen zwanzig Jahren 
angesichts der Steigerung der wissenschaftlichen Büchererzeugung erlitten hatte, wieder- 
gutzumachen. Zunächst brachten freilich die Kriegsjahre einen ständig steigenden Rück- 
gang der Büchererzeugung und damit von Jahr zu Jahr geringer werdende Ausgaben für 
Bücherankauf; erst im Jahre 1918 wurde der Anschaffungsverlag wieder in vollem Umfang 
verausgabt, vor allem freilich infolge der Steigerung der Bücherpreise, die um rund 25 Pro- 
zent -in die Höhe gegangen waren - die Buchbindekosten waren mit dem 1. Oktober 1917 
sogar um 60 Prozent gestiegen. Die Nachkriegs- und die Inflationszeit bedeutete auch für 
die Bibliothek ein unausgesetztes Ringen um das bloße Fortbestehen - von einem Fort- 
„führen", von einer planmäßigen Ziel-Arbeit konnte keine Rede sein; wenn so manches 
wertvolle und wichtige Werk, das in der Bibliothek nicht fehlen sollte, nicht beschafft 
werden konnte, wenn mehrfach der Bezug von Zeitschriften abgebrochen werden mußte, 
wenn sich sogar die Vervollständigung von Fortsetzungs- und Lieferungswerken als un- 
möglich erwies, so spiegelt das alles die allgemeine deutsche Not, die ihre tiefen Furchen 
auch in die Bestände der Landesbibliothek eingegraben hat. Einen Teil der in dieser 
Zeit entstandenen Lücken hat die Bibliothek dadurch ausfüllen können, daß ihr 
für 70 besonders wertvolle Doppelstücke, die der Einkaufgenossenschaft für die Wieder- 
herstellung der Universitätsbibliothek Löwen überlassen worden waren, 2174 Mk. vergütet 
wurden. Dazu kamen noch 10 500 Mk., die für den Rest der Doppelstücke, rund 4000 
Bände, von der Firma Fock in Leipzig gezahlt wurden. Erst das Jahr 1925 brachte nach 
den Übergangserscheinungen von 1924 wieder die Möglichkeit, in festem Rahmen zu arbei- 
ten, zeigte aber auch die grundlegenden Veränderungen auf dem Buchmarkt in grellem 
Licht: während die Landesbibliothek im Jahre 1913 durchschnittlich 10 Mk. für den Band 
hatte ausgeblen müssen, belief sich dieser Betrag 1925 auf 15 Mk. und stieg 1926 sogar auf 
19 Mk.; seitdem hat er eine durchschnittliche Höhe von 15,50 Mk. eingehalten. Die Ver- 
waltung des Bezirksverbandes hat der dadurch geschaffenen Notlage durchaus Rechnung 
getragen und den Anschaffungsverlag allmählich auf 30 000 Mk. erhöht. Es darf aber 
nicht übersehen werden, daß die Bibliothek damit die Kaufkraft von 1913 nur eben wieder 
erreicht hat. Mußte der damalige Anschaffungsverlag schon als unzureichend anerkannt 
werden, so muß das in erhöhtem Maß gelten in einer Zeit, die infolge der allgemeinen 
Notlage wesentlich größere Anforderungen an die öffentlichen Bibliotheken stellt, in der 
die Landesbibliothek nicht mehr lange an der Notwendigkeit wird vorübergehen dürfen, 
ihr Arbeitsgebiet über die reinen Geisteswissenschaften hinaus auf die exakten Wissen- 
schaften, vor allem auf Mathematik und Naturwissenschaften auszudehnen.
	        

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