Full text: Die Landesbibliothek Kassel 1580 - 1930

Die bevorstehende Einweihung des Neubaues der „Murhardschen Bibliothek der 
Stadt Cassel", der erst die volle Entfaltung dieser Stiftung ermöglichte, gab insoweit An- 
laß zu einer Änderung der Bibliotheks-Ordnung, als die Murhardsche Bibliothek nach dem 
Wollen ihrer Stifter „die Staatswissenschaften und insbesondere die National- und Staats- 
Wirtschaft" als besonders bevorzugtes Fach zu pflegen hat. Damit konnten diese in ihrem 
ganzen Umfang aus dem Aufgabenkreis der Landesbibliothek ausscheiden - die Biblio- 
theks-Ordnung vom 25. November 1903 trug dem Rechnung und ersetzte sie durch die 
Rechtswissenschaft, die schon bisher nie ganz unbeachtet geblieben und mit genügenden 
Beständen vor allem im bürgerlichen und im Strafrecht ausgerüstet war, um hier mit guter 
Aussicht auf befriedigenden Erfolg weiterzubauen. 
Gleichzeitig wurde die Benutzung der Bibliothek, dem längst geübten Brauch ent- 
sprechend, dadurch erleichtert, daß die Vorausbestellung der zur Entleihung nach Haus 
oder zur Benutzung in das Lesezimmer gewünschten Werke aufgegeben wurde; nur für 
solche Bestellungen, deren Erledigung einen größeren Zeitaufwand erforderte, blieb die 
Ausgabe erst für den folgenden Tag vorbehalten. Praktische Bedeutung hat aber auch 
dieser Vorbehalt nicht gewonnen; tatsächlich werden schon seit der Jahrhundertwende 
alle Bestellungen sofort ausgeführt. Daß im Zusammenhang damit die veraltete Be- 
schränkung der Entleihung auf gleichzeitig 3 Werke aufgehoben wurde, entsprach eben- 
falls nur längst festgewordener Übung. 
In demselben Jahre 1903 machte die Murhardsche Bibliothek der Landesbibliothek 
eine hocherfreuliche Zuwendung. Strieder hatte umfangreiche handschriftliche Samm- 
lungen zur hessischen Familiengeschichte angelegt, deren eine Hälfte, die Buchstaben 
A--G umfassend, die Landesbibliothek besaß, während die andere (H_Z) auffälliger 
Weise in die Sammlung der Brüder Murhard gelangt war. Da dieses wertvolle Quellen- 
material nur dann voll ausgenutzt werden konnte, wenn es vereinigt war, und da es natur- 
gemäß in die Landesbibliothek gehörte, überließ die Murhardsche Bibliothek ihren Teil, 
aus sechs starken Quartbänden bestehend, der Landesbibliothek 166). 
Eine andere ebenso wertvolle und umfangreiche Sammlung von Nachrichten über die 
Familien der hessischen Ritterschaft brachte 1906 das Vermächtnis des Barons Rudolf von 
Buttlar, die in seiner Siegelsammlung eine bedeutsame Ergänzung findet 167). 
Wichtiges Quellenmaterial zur hessischen Geschichte hatte schon einige Jahre vor- 
her, 1902, ein Geschenk der Frau Geh. Kommerzienrat Henschel gebracht, die der Landes- 
bibliothek eine Anzahl von Handschriften und Druckschriften aus dem Nachlaß des Ober- 
bergrats Henschel überwies 168); besonders bemerkenswert sind darunter 21 Briefe der 
Brüder Jakob, Wilhelm und Ludwig Grimm, die eine willkommene Ergänzung der Grimm- 
Sammlung bildeten, 'die von der Landesbibliothek in Verbindung mit der Kasseler Grimm- 
Gesellschaft ausgebaut wurde. 
Die an sich hocherfreuliche, weil unbedingt notwendige Ausdehnung der Bibliothek 
auf alle Räume des Oberstocks, die von der Staatsregierung wenn auch erst nach schwieri- 
gen Verhandlungen zugestanden worden war, erwies sich nur allzu rasch als unzulänglich. 
Der nach und nach recht beträchtliche jährliche Zuwachs, der sich im Jahre 1910 auf 
4474 Bände belief, war auch bei stärkster Raumausnutzung nicht mehr unterzubringen, 
und die Klage über Mangel an Raum wurde zu einem festen Bestandteil der jährlichen 
Berichte, in denen 1906 zum ersten Mal darauf hingewiesen wird, daß nur von der Über- 
lassung des ganzen Gebäudes Abhilfe zu erwarten sei. 
166) A. L. B. A. 1. Jahresbericht 1904. 
167) Ebenda, Jahresbericht 1905 
168) Ebenda, Jahresbericht 1903. 
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