Full text: Sendschreiben an Karl Lachmann über Reinhart Fuchs

den lateinischen gedichte, für deren einen Sie den aufser- 
dem noch völlig verborgenen namen Nivardus " an den tag 
gebracht haben. Aber ihnen müssen schon dichtungen in 
vulgarsprache zur hand gewesen sein, auf deren grundlage 
ihre gelehrte poesie üppiger und belebter entspringen konnte. 
Erwägen wir, dafs im roman de Renart kaum ein ein- 
ziges gedicht dem zwölften jh. anzugehören scheint, unser 
Reinhart des Glichesäre aber noch dringender als jene la- 
teinischen werke des zwölften ein französisches Vorbild be- 
gehrt, so ist der untergang einer oder mehrerer romani- 
chen dichtungen aus diesem kreise höchlich zu beklagen, 
die im laufe des zwölften oder gar schon am schlusse des 
eilften müssen da gewesen sein und als deren jüngerer nie- 
dersehlag oder fortwuehs die branches des dreizehnten zu 
betrachten sind. Jene würden uns ohne zweifel manchen 
neuen und wichtigen aufschlufs über den gang der thier- 
fabel gewähren, und obschon bisher noch nicht die gering- 
ste spur nachzuweisen ist, darf doch keine hofnung aufge- 
geben werden, dal's irgendwo etwas davon gehegt sein und 
wieder einmal zum Vorschein kommen könne. 
Bis dahin haben wir uns an die hochdeutsche übertra- 
gung zu halten, die, allen kennzeichen nach gleichfalls schon 
im zwölften jh. und zwar im Elsafs entstanden, voll jener 
ursprünglich deutschen, nur romanischen durchgang kund- 
gebenden thierbenennungen ist. Leider war uns diese dich- 
tung nicht in ihrer echten gestalt, sondern nur so zuge- 
kommen, wie sie noch bleiben konnte, nachdem sie eine 
jüngere umarbeitung erfahren hatte. 
Zu meiner nicht geringen freude wurden mir voriges 
jahr pergamentblätter einer hier in Hessen 1515 jämmerlich 
zerschnittnen altdeutschen handschrift überreicht]? welche 
umschläge von rechnungshüchern hatten abgeben müssen". 
' lat. ged. des X jh. p. XIX; der name mag in Nordfrankreich, 
den Niederlanden und Lothringen am gangbarsten gewesen sein; ein 
alter bisehof von Rheims führte ihn. 
"' sie sind nunmehr der öffentlichen bibliothek in Cassel zur be- 
wahrung anvertraut worden.
	        

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