Full text: ProfilBildung

aber auch so manchem von uns den Blick für mögliche 
Ansatzpunkte, um das Regelschulsystem zu reformieren. Viel- 
leicht hing die Abkehr vom staatlichen Schulwesen auch mit 
der fehlenden Gewißheit zusammen, ob man nach Beendi- 
gung der Ausbildung dort überhaupt gebraucht würde. Die 
drohende Lehrerarbeitslosigkeit wurde in den Seminaren 
jedenfalls immer wieder thematisiert, häufig im Zusammen- 
hang mit der Frage nach der Bedeutung des Veranstaltungs- 
themas für angehende LehrerInnen, die wahrscheinlich nie 
in der Schule arbeiten würden. 
Bei dem Versuch, meine Studienzeit an der GhK in gro- 
ben Zügen nachzuzeichnen, hätte ich einen wichtigen Bereich 
fast vergessen. Es war mehr oder weniger Zufall, daß ich in 
der zweiten Hälfte meines Studiums die Gelegenheit erhielt, 
an einem Forschungsprojekt in der Erziehungswissenschaft 
mitzuarbeiten, dem sogenannten Leseprojekt unter der Lei- 
tung von Rudolf Messner, das sich mit dem privaten Lesen 
Jugendlicher beschäftigte. Über viele Stunden hat die For- 
schungsgruppeJugendliche zu ihrem Alltagslesen befragt und 
wohl annähernd hundert Sitzungen für die Auswertung der 
Interviews benötigt. Lief die Forschungstätigkeit, so zeit- und- 
arbeitsintensiv sie sich auch gestaltete, zunächst eher neben 
dem Studium her, rückte diese Form des forschenden Ler- 
nens zunehmend ins Zentrum meiner Ausbildung. Die empi- 
rische Arbeit ermöglichte nicht nur einen Einblick in die 
Lebenswelt Jugendlicher, sondern schuf zugleich auch ein 
Problembewußtsein dafür, wie Theoriebildung entsteht und 
wo wissenschaftliche Erkenntnis an ihre Grenzen gerät. Bei 
einer derart zeitraubenden F orschungstätigkeit blieben andere 
wichtige Studieninhalte zwangsläufig auf der Strecke, so daß 
ich vor der Prüfung in meinen beiden Fächern noch einiges 
nachzuholen hatte. Auch wenn der Abschlußbericht bis heute 
aussteht, ist aus dem Forschungsprojekt neben einigen Auf- 
sätzen immerhin meine Examensarbeit hervorgegangen. 
Wenn ich meine Erfahrungen mit dem Lehrerstudium an 
der GhK resümiere, waren die Studienbedingungen Ende der 
siebziger bis Anfang der achtziger Jahre überwiegend von 
Offenheit geprägt und erlaubten relativ große persönliche 
Spielräume, sowohl bei der Seminarwahl als auch in der Art 
und Weise, wie studiert werden konnte. Man hat sich zum 
Studieren Zeit genommen. Vor allem durch projektartiges
	        

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