Full text: ProfilBildung

Dorit Bosse 
Zwischen Selbsterfahrung 
und Selbstbildung 
Lehramtsstudium an der GhK 
von 1977 bis 1983 
Wenn man den Studienbeginn an einer traditionellen Hoch- 
schule erlebt hat, in meinem Fall war es die Universität Mün- 
ster, hat man die Art der Studieneinführung an der GhK 
besonders zu schätzen gewußt. Während das erste Semester 
in Münster von Anonymität und Einzelkämpfertum geprägt 
war, fühlte man sich in Kassel mit dem Problem der Orien- 
tierungslosigkeit weniger allein gelassen. Die sogenannte Ein- 
führungswoche machte es möglich, daß wir Anfänger die 
erste Begegnung mit der Hochschule und die damit verbun- 
denen Irritationen gemeinsam zu meistern versuchten, wobei 
es natürlich auch einige Hardliner gab, die sich darüber auf- 
regten, „daß es nicht gleich richtig losgeht". Es war die per- 
sönliche, dem einzelnen zugewandte Form des Vertrautma- 
chens mit der Hochschule und den Studienanforderungen 
- in überschaubaren Kleingruppen, angeleitet von älteren 
,Semestern' -, die dazu führte, daß man sich recht schnell 
innerhalb des Studienbetriebs zurechtfand und von „seiner" 
Hochschule sprach. 
Das gemeinsame Studieren mit Kommilitonlnnen aller 
Semester war ungewohnt und stellte für uns Studienanfän- 
ger eine gewisse Herausforderung dar. Der Studienablauf 
war Ende der siebziger Jahre im Lehramtsbereich ja noch 
nicht verbindlich vorgegeben; in den Fächern, damals noch 
in Qrganisationseinheiten zusammengefaßt, gab es zwar Basis- 
semester und Orientierungsphasen, aber noch keine strikte 
Einteilung in Grund- und Hauptstudium. Bei dieser unre- 
glementierten Form der Seminarwahl konnte es z.B. in der 
Germanistik passieren, daß man bereits im ersten Semester 
in der Fernsehanalyse bei Prof. Hienger eine Probeklausur 
unter Examensbedingungen mitschrieb (über den Wasch- 
rnittelwerbespot mit der berühmten Clementine). Dies war 
zwar nicht verpflichtend, sondern geschah auf freiwilliger 
Basis. Doch ganz so frei war die Entscheidung rnitzuschrei- 
ben wiederum auch nicht, gab es doch eine gewisse Dyna- 
mik innerhalb der Seminargruppe, die dieses Wagnis am Ende 
des Semesters für uns Anfänger geradezu heraufbeschwor. 
Auch wenn derartige Versuche, die eigenen Fähigkeiten ein- 
schätzen zu lernen, nicht unbedingt gleich zu überragenden 
Klausurergebnissen führten, halfen sie doch, den durchaus 
vorhandenen Wahn, sich schon alles zuzutrauen, zu dämp- 
fen. Andererseits konnten unbegründete Selbstzweifel über-
	        

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