Full text: ProfilBildung

man auch im ersten Semester zeichnen", sagt Lucius Burck- 
hardt, Soziologe und inzwischen emeritierter Professor des 
Fachbereichs Stadt- und Landschaftsplanung. Dabei sei es 
nicht so wichtig, ob man die Aufgabe gleich perfekt löse. „Mit 
dem Projektstudium verbindet sich ein hoher pädagogischer 
Anspruch: Den Studenten werden von Anfang an Aufgaben 
gestellt, die sie die volle Komplexität ihrer künftigen Tätig- 
keit spüren lassen." 
Die haben die Bauherren des studentischen Wohnpro- 
jekts in der Tat zu spüren bekommen. Das hatten sie so ver- 
mutlich nicht erwartet, als die Idee während eines Betriebs- 
praktikums bei Professor Gernot Minke, dem Experten für 
experimentelles Bauen an der GhK, geboren wurde. Tobias 
Berggötz undjörn Gutbier waren von der Technik des Lehm- 
baus fasziniert. Nicht nur, weil Lehm ein so gesunder Bau- 
stoff ist: „Wir hatten plötzlich die Idee, daß man mit preis- 
werten Materialien eine finanzierbare Alternative zu dem 
vielfach unbezahlbaren Wohnraum entwickeln könnte." 
Wie diese Alternative aussehen sollte, das war zunächst 
noch nicht klar. Klar war nur eins: Das Projekt mußte unbe- 
dingt realisiert werden. „Auf dem Papier hätte es keinen Sinn 
gemacht", sagt Tobias Berggötz. Die Suche nach Mitstreitern 
gestaltete sich deshalb schwierig: „Viele schreckten von vorn- 
herein vor dem großen Aufwand zurück. Andere sprangen 
nach kurzer Zeit wieder ab." Doch beim Projektbazar des 
Fachbereichs Architektur fanden Berggötz und Gutbier 
schließlich ihren dritten Mann: Ralf Zumpfe, Diplominge- 
nieur aus Stuttgart, der in Kassel sein Diplom II absolvieren 
wollte. Die Arbeit begann, und bald kam eine weitere Mit- 
streiterin hinzu: Andrea Weyhe. 
„Die konventionelle Architekten- 
ausbildung schreitet vom einfachen 
zum komplizierten Thema fort. [...] 
Demgegenüber sind praktische 
Aufgaben, grosse wie kleine, in 
der Regel komplex, und der Student 
sollte lernen, sie als solche zu 
behandeln." 
Lucius BurckhardtlWalter Förderer 
617 Quadratmeter- eine Herausforderung 
Ein Grundstück war schnell gefunden. Das 617 Quadrat- 
meter große Fleckchen Erde war langgezogen und in zwei 
Richtungen abschüssig: „Eine echte Herausforderung", sagt 
Tobias Berggötz lachend. Doch obwohl die Stadt es selbst für 
unbebaubar hielt, wollte sie 70.000 Mark dafür haben. Die 
eigentliche Hürde beim Erwerb des Grundstücks lag jedoch 
bei den Anwohnern: Einer der Nachbarn, ein führendes Mit- 
glied der CDU-Fraktion im Stadtparlament, machte Stim- 
mung gegen das Projekt.
	        

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