Full text: ProfilBildung

moderne Wissenschaft als Quelle der Desintegration der Kul- 
tur und der Welt- und Selbstentfremdung des Menschen gese- 
hen wurde, zielte eine der wesentlichen Forderungen der 
Romantiker (-innen) auf die Überwindung der Ausdifferenzie- 
rung des Wissenschaftssystems, also seiner Abtrennung von 
den anderen Kultursphären (der Religion und der Kunst vor 
allem) als auch seiner internen Aufspaltung in sachlich, theore- 
tisch und methodisch unverbundene Wissensbereiche. „Viel- 
leicht würde eine ganz neue Epoche der Wissenschaften und 
Künste begirmen, wenn die Symphilosophie und die Sym- 
poesie so allgemein und so innig würden, daß es nichts Sel- 
tenes mehr wäre, wenn mehrere, sich gegenseitig ergänzende 
Naturen gemeinschaftliche Werke bildeten" (F. Schlegel). 
 
4. Nicht in einer neuen Wissenschaft, sondern in der vor- 
behaltlosen Generalisierung und Universalisierung des wis- 
senschaftlichen Geistes sah A. Comte die einzige Möglich- 
keit, zu einem umfassenden gesellschaftlichen Konsens und 
einer darauf sich gründenden hochstabilen und hochpro- 
duktiven Gesellschaftsordnung zu kommen. „Positiv" nannte 
er die modernen Wissenschaften, weil sie, anders als die über- 
kommenen religiösen und metaphysischen Weltdeutungen, 
unzweideutig und ausschließlich nützlich seien. Ihren größten 
Nutzen aber sah er darin, „unmittelbar sozial" zu sein, also 
auf ganz unwiderstehliche Weise konsens- und ordnungs- 
stiftend zu wirken. Die - von ihm zuerst so genarmte - „Sozio- 
logie" schließlich galt ihm als die komplexeste und höchste 
aller Wissenschaften, weil sie nicht nur alle übrigen voraus- 
setzt und in sich auf hebt, sondern die Selbstdurchsichtigkeit 
und Selbstbegründung des „positiven Geistes" ermöglicht 
und sichert. Nur die Wissenschaften im allgemeinen, die 
Soziologie im besonderen sind zur geistigen Führung des posi- 
tiven Zeitalters berufen- einer Führung, der sich das Prole- 
tariat, so meint Gomte, am bedingungslosesten unterwerfen 
werde, weil diese Klasse am wenigsten von den metaphysi- 
schen Fiktionen der alten Ordnung verdorben sei. 
5. Es ist häufig, ja regelmäßig verkannt worden und ist doch 
ganz unübersehbar, wie nahe das Marxsche Denken solchen 
Argumentationen steht. Auch nach Marx führt nur die Wis- 
senschaft und die von ihr angeleitete politische Praxis zur
	        

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