Full text: Gudensberg

Nach Klassenzugehörigkeit wurde auch bei Beerdigungen differenziert: Bei wohl- 
habenden Leuten trug man eine Palme vor dem Sarg, rechts und links gingen zwei 
Männer mit Stock und schwarzem Trauerflor. Kantor Schiettinger war in Frack und 
Zylinder als Begleitperson des Pfarrers zugegen und erhielt für seinen Auftritt drei 
Goldmark. Diesen Luxus konnten sich die armen Leute nicht leisten. Wollten sie 
dennoch den "Herrn Konrektof, wie der Kantor in der Regel genannt wurde, auf 
dem Begräbnis ihres Angehörigen nicht missen, mußten sie ihn herbeibitten, wäh- 
rend er bei der Bestattung eines reichen Mitbürgers ohnehin erschien, um seine drei 
Goldstücke zu verdienen. Den armen Leuten stand die Platzwahl der Grabstätte 
nicht zu: Sie wurden schlicht 'in der Reihe' beerdigt. Wohlhabendere Familien pfleg- 
ten ihre Grabstätten zu kaufen. 
Aus dem üblichen Rahmen fiel die Beerdigung Frau Dockens im Jahre 1911, obwohl 
ihr Mann als Betriebsleiter ein angesehener und wohlhabender Bürger der Stadt war. 
Frau Docken ließ sich im Göttinger Krematorium vor ihrer Beisetzung verbrennen. 
Metropolitan Altmüller weigerte sich daraufhin, eine Grabrede zu halten, und selbst 
die Glocken schwiegen! 
Auch im Vereinsleben zeigte sich die Ablehnung gegenüber anderer politischer 
Gesinnung. Das Sportvereinsleben teilte sich auf in den marxistischen Arbeiterturn- 
verein "Frei-Heil, und den patriotischen 'Gut-Heil,. Am 11. September 1905, bei der 
ersten Versammlung des Arbeiterturnvereins, der sich 'Freie Turnerschaft Gudens- 
berg' nannte, erschien ein Gendarm und verlangte die sofortige Räumung des Saales. 
Obwohl es keiner polizeilichen Genehmigung von Turnvereinversammlungen 
bedurfte, machte man diesem Verein das Leben schwer. Selbst Jahre später betrach- 
teten die Gut-Heil-Turner die Freie-Turnerschaft als ihre Feinde, obschon beide Ver- 
eine von Arbeitern besucht wurden. 
Die Zöglinge der Kaufleute nahmen nicht nur am Sportgeschehen teil, zu ihrer gesell- 
schaftlichen Stellung gehörte auch der Besuch des Gesangvereins "Concordiai 
Wie zu dieser Zeit in allen Orten, war der Kriegerverein auch für viele Gudensberger 
wichtig. Gerade hier spiegelt sich der Zeitgeist des Kaiserreiches recht treffend und 
läßt erahnen, wie es zu der nationalistischen Euphorie bei Ausbruch des Krieges 
kommen konnte. Stark hatte der letzte Krieg die Männer geprägt und lebte nun als 
großer Triumpf in ihrem Bewußtsein fort, was sich unschwer an den Vaterländischen 
Liedern und den überschwenglichen Erzählungen der letzten Kriege erkennen ließ. 
Der von den Kriegsteilnehmern Gudensbergs 1875 gegründete Verein wurde sehr 
intensiv gepflegt. Schließlich gehörte es zum guten Ton, daß alle Männer, die Solda- 
ten waren, auch zum Kriegerverein gingen, mit Ausnahme der 4roten' Arbeiter, 
da jenen, wie man glaubte, die rechte Vaterländische Gesinnung fehlte. In der 
Regel gehörten deutsch-national gesinnte Handwerker, Landwirte und Arbeiter dem 
Kriegerverein an.
	        

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