Full text: Gudensberg

Ältere Mitbürger können vielleicht noch aus Erzählungen ihrer Großeltern berichten, 
wie der Unterricht im 19. Jahrhundert in Hessen aussah: Die Kinder standen mit ge- 
beugten Knien eingeklemmt zwischen Tisch und Bank. Sobald sie lesen konnten, muß- 
ten sie Texte auswendig lernen, wobei mit dem Rohrstock als legalem Züchtigungs- 
mittel oft nachgeholfen wurde, wenn die Hausaufgaben nicht zur Zufriedenheit der 
Lehrer erledigt worden waren oder ein Gedicht nicht flüssig aufgesagt werden konnte. 
In dieser Zeit wurde keine umfassende humanitäre Bildung angestrebt, es ging viel- 
mehr darum, daß die Schüler lesen, schreiben und rechnen konnten, sich in der Bibel 
einigermaßen auskannten und - wie folgendes Beispiel einer Schulfeier zeigt - eine 
Vaterländische Gesinnung erfuhren. Aus der Schulchronik erfahren wir, daß der Sieg 
über die Franzosen bei Sedan 1870 Anlaß für eine große Schulfeier war, die auf dem 
Lamsberg stattfand. Hier wurden bei "Bier und Wecken', die der Stadtrat zur Verfü- 
gung gestellt hatte, patriotische Lieder gesungen. 
Nicht nur die Eintragungen der Gudensberger Schulchronik geben Einblick in den 
Zeitgeist des 19. Jahrhunderts. Interessant ist auch die Tatsache, daß das ehemals als 
Schule geplante Gebäude am Paradeplatz (heute Marktplatz) nicht für Unterrichts- 
zwecke genutzt wurde. Vielmehr ordnete die kurfürstliche Regierung zu Kassel am 
12. Juli 1843 an, das alte Rathaus am Alten Markt in den Schuldienst zu stellen. Das 
neue Gebäude am Paradeplatz wurde nun als Rathaus genutzt. Erst 1890 bekamen 
die Gudensberger Kinder eine neue Volksschule am Grabenweg. 
Anders als heute war lange Zeit der Rohrstock das wichtigste Erziehungsmittel in der 
Schule. Schlagen und Geschlagenwerden gehörte namentlich im 19. Jahrhundert zu 
den alltäglichen Mitteln schulischer Machtausübung. 
Die Einstellung zum Kind begann sich - durch die Ende des 19. Jahrhunderts in ganz 
Europa und in den USA einsetzende reformpädagogische Bewegung - zu wandeln. 
Namhafte Pädagogen verlangten für das Kind eine intensivere Zuwendung und bes- 
sere Erziehungsmethoden. Allerdings sollte der Rohrstock noch nicht gänzlich aus 
dem Unterrichtsgeschehen verschwinden, wie ein eindrückliches Beispiel aus der 
Gudensberger Schulchronik zu berichten weiß: Die 13jährige Tochter des Bürgermei- 
sters (!) Kleim soll am 18. Januar 1907 im Erdkundeunterricht, nachdem der Schul- 
rektor das Mädchen mit dem Zeigestock "angetippt, hatte, zur Beantwortung einer 
Frage aufgefordert worden sein. Die als begabt und fleißig geltende Schülerin muß 
dadurch wohl irritiert gewesen sein, denn sie folgte auch - laut Chronik - den nächsten 
beiden Aufforderungen des Rektors nicht. So geschah es, daß die Bürgermeisters- 
tochter Stockschläge auf ihren Rücken hinnehmen mußte. Der Vater des Mädchens, 
Bürgermeister Kleim, hielt es für eine (Rohheif, 13jährige Mädchen noch körperlich 
zu züchtigen und schrieb einen Beschwerdebrief, der bis zur Kasseler Regierung 
gelangte. Nach eingehender Untersuchung der Begebenheit und längerem Brief- 
wechsel kam von der Regierung der Bescheid, daß der Rektor 'unrecht' gehandelt 
habe.
	        

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