Full text: Gudensberg

Zwar stellte die Gebietsreform einen Eingriff in das Selbstverwaltungsrecht der 
Gemeinden dar, bot ihnen aber nun die Möglichkeit, größere Neuerungen vorzuneh- 
men, die sie sich allein nicht hätten leisten können. Größere Aufgaben und Probleme 
müssen nun nicht mehr im Dorf bewältigt werden, sondern verlagern sich auf die Ent- 
scheidungsträger in Gudensberg, die jetzt in Kooperation mit den Ortsbeiräten der 
Dorfgemeinden deren Interessen vertreten. Der aus sieben Mitgliedern bestehende 
Ortsbeirat einer Dorfgemeinde hat dabei vor allem initiativgebende und beratende 
Funktionen und wird bei wichtigen, den Stadtteil betreffenden Entscheidsprozessen, 
mit einbezogen. 
Mit der Gemeindegebietsreform sollte im ländlichen Gebiet eine Angleichung der 
Lebensbedingungen bei gleichzeitiger Reduzierung des Strukturgefälles von größeren 
und kleineren Gemeinden erfolgen. Den Vorteilen eines zentralisierten Verwaltungs- 
apparates stehen aber auch weniger erfreuliche Entwicklungen, vor allem im sozio- 
kulturellen Bereich, gegenüber. Mit der Ansiedlung vieler Neubürger, der Anlage 
von Neubausiedlungen und der Gemeindegebietsreform wurden die traditionellen 
Dorfstrukturen neuen Belastungen ausgesetzt. Die Identität der Dorfbevölkerung 
wurde durch diese Entwicklung empfindlich gestört, vielfach kam es zum Rückzug 
des Einzelnen hinter seinen privaten Gartenzaun, der Alltag wurde anonymer, Nähe 
durch Fremdheit ersetzt. 
Seit Jahrhunderten war das Bild eines Dorfes durch Gemeinschaft geprägt, durch 
bäuerliche Arbeit, Austausch von Produkten und intensive Kontakte. Durch den 
Strukturwandel erfuhren die landwirtschaftlichen Betriebe im Laufe der letzten Jahr- 
zehnte massive Eingriffe; er zerstörte ihre ökonomische Grundlage und damit die für 
die Menschen wichtige Kombination von Arbeit und Freizeit (vgl. Kap. "Freizeit und 
Kultur'). Vor diesem Hintergrund sind auch die Maßnahmen und Vorhaben im 
Rahmen der Dorferneuerung zu sehen. Sanierungsmaßnahmen, die Überbauung, 
Defizite bei den sanitären Einrichtungen, Baufälligkeit alter Gebäude und andere 
Mißstände beseitigen halfen, waren zwar unbedingt notwendig geworden, schlossen 
aber auch die Übergänge zwischen privatem und öffentlichem Raum. Heute streben 
Dorfentwicklungsmaßnahmen eine Renaissance der Dorfidentität an. Neuere Kon- 
zeptionen in der Planung der Dorfentwicklung beabsichtigen, dörfliche Lebensfor- 
men zu schützen und den individuellen Charakter der hessischen Dörfer zu bewahren. 
Dorferneuerung sollte mehr umfassen als ein Förderprogramm von Fachwerkhäusern 
oder Pflasterung und Begrünung von Dorfplätzen. Vielmehr sollte man eine Reise in 
die Geschichte eines Dorfes unternehmen, um sich seinem individuellen Charakter - 
verbunden mit seinen einstigen sozio-kulturellen Strukturen und Werten - nähern zu 
können. In diesem Sinne sind den einzelnen Stadtteilen einige exemplarische 
Betrachtungen gewidmet.
	        

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