Full text: Gudensberg

würde. Als mit ihm tausende weitere Flüchtlinge übers Meer in Sicherheit 
gebracht waren, hatte sich eine große Hoffnung erfüllt. In einem Lager in der 
Nähe Kopenhagens fanden sie zunächst Zuflucht. Doch bald machten sich die 
Nachwirkungen der erlittenen Strapazen bemerkbar. Der Flüchtling mußte ein 
Krankenhaus aufsuchen, das von deutschen Ärzten geleitet wurde und eine 
lange, qualvolle Krankenbehandlung stand ihm bevor. 
Schließlich, ab Januar 1947 kursierten Gerüchte, daß die Patienten, etwa 70 an 
der Zahl, zusammen mit der Klinik nach Deutschland verlegt werden sollten - 
und siehe da: Mitte August wurde alles auf dänische Militärkraftwagen verstaut, 
und sie erreichten nach einigen Stunden Hamburg-Bergedorf. Neue Gerüchte 
kamen in Umlauf! 
Die für die Klinik vorgesehenen Baracken seien inzwischen belegt, man bemühe 
sich um ein Ausweichquartier. Es fiel der Name Gudensberg, den bei den 
Patienten bis dahin wohl kaum jemand gehört hatte. Zweimal mußte der Sani- 
tätswagen der Deutschen Reichsbahn eingesetzt werden, um die Patienten an 
ihren Zielort zu bringen. So kam auch der eine, der am 21. Januar 1945 von 
Westpreußen ausgezogen war, am I5. August 1947 im hessischen Gudensberg 
an. 
Siebzig kranke Menschen, Tuberkulose, verwundet, an Krücken gehend, Kin- 
der die nichts von Angehörigen wußten, weder Hab noch Gut besitzend. Es war 
vorauszusehen, daß die Patienten eine große Belastung für die Stadt werden 
würden - und so kam es, daß die Klinik am I. Februar 1949 ihren Sitz nach 
Hessisch Lichtenau verlegte. 
Einer aber blieb in Gudensberg. Er war zwar arm an irdischen Gütern als er 
hierher kam - und wie reich wurde er beschenkt. Bereits in Dänemark hat er 
trotz seines schweren Leidens eine Lebensgefährtin gefunden, jüngere Leute 
nahmen ihn auf in ihre Gemeinschaft. Eine Familie gab ihm Obdach und ver- 
sorgte ihn, obwohl die Rente kaum zum Lebensunterhalt reichte. 
eWer weiß, was Sie in Zukunft erwartet, wenn sie mit der Klinik mitgehen. Blei- 
ben Sie einfach hier, wir sorgen für Sie. v 
Ob es dem Flüchtling nach solchen Worten seiner späteren Wirtsleute schwer 
gefallen ist, in Gudensberg zu bleiben? Ob Gudensberg ihm eine neue Heimat 
geworden ist? Nein, es ist ihm nicht schwer gefallen, in Gudensberg zu bleiben, 
lautet die Antwort des Flüchtlings an seinem Lebensabend - 42 Jahre danach. 
Und Gudensberg - eine neue Heimat? Wer hier trotz eines schweren Leidens 42 
schöne Jahre erleben durfte, wer sich in der Gemeinschaft wohlgefühlt hat und 
dem so viel Gutes zuteil wurde, der darf wohl sagen, daß ihm Gudensberg eine 
neue Heimat geworden ist. 
Die alte Heimat aber? Sie wird weiterleben - unvergeßlich - in seiner Erinne- 
runglv
	        

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