Full text: Gesamthochschule Kassel 1971 - 1981

schreibung studentischer Aktivitäten darzustellen. Dies ist auch nicht 
unsere Absicht. Wir haben den Artikel unter den für uns wichtigen Ge- 
sichtspunkten geschrieben, die teilweise sehr eng mit unserer eigenen 
Biographie verknüpft sind. Und so ist es sicher unvermeidbar, daß für 
manchen Leser einiges zu kurz oder gar nicht erwähnt ist. 
Wir verstehen unseren Artikel eher als Aufforderung an den Leser, mit 
uns in Diskussion zu treten, sofern er das noch kann. Denn sicher gibt 
es auch Leser, die wir mit unserem Artikel nicht mehr erreichen; sie 
sind es vielleicht, die für die herrschende Situation der Gesamthochschu- 
le mit verantwortlich sind. Ihnen sei in Erinnerung gerufen, daß das 
Scheitern der Reformhochschule auch Spuren in den Subjekten, die sich 
aktiv für Reformen einsetzten und deren Hoffnungen und Engagement ad 
absurdum geführt wurden, hinterläßt. Diese Beschreibung in Form von 
psychischen Leiden und Identitätskrisen darzustellen, bedürfte eines 
neuen Artikels. 
Ära des SHB (Sozialdemokratischer Hochschulbund) 1970-1972: Wie al- 
les anfing oder so toll war es auch wieder nicht 
An einem Vorläufer der GhK, der Ingenieurschule, war der studenti- 
sche Alltag im Jahre 1970 noch an dem Muster einer p reußis chen 
K a d e tt e n an s t alt orientiert: Man konnte "sitzen bleiben", es gab 
einen festen Klassenverband, zu spät Kommende wurden vom Hausmei- 
ster in ein Buch eingetragen, im Unterricht mußte man bei Antworten 
aufstehen und den Lehrenden ggf. mit "Herr Oberbaurat" anreden. Die 
Resultate der 68er Oberschüler- und Studentenbewegung waren kaum 
spürbar. 
Studentische Politik war in dieser Zeit entsprechend konkret. Es galt 
sich gegen allzu große Willkür von Lehrenden zu wehren und dem vor- 
handenen Leistungsdruck etwas entgegenzusetzen. Der Leistungsdruck 
erschien vielen Studierenden irrational, weil sie über Erfahrungen aus 
der Arbeitswelt verfügten und die Industrie sich in der damaligen Hoch- 
konjunktur um jeden Absolventen riß, ja manchmal schon Studenten ohne 
Abschluß abwarb. So ist es nicht verwunderlich, daß im Bereich der 
Ingenieur-Schule Anfang der 70er Jahre jedes Semester ein dreiwöchi- 
ger Streik stattfand, der gegen die hohen Leistungsanforderungen ge- 
richtet war und aufgrund der Streß-Situation von fast allen Studenten 
passiv befolgt wurde - manchmal zum Aufarbeiten von Lernstoff. Die 
Vollversammlungen waren zu 90-9570 bis zum Streikbeschluß (meist ca. 
8070 dafür) besucht, die Arbeitsgruppen im Streik wurden jedoch nur von 
ca. lo-2070 der Studenten genutzt. 
Organisiert wurden diese Aktionen von einem " d iffu s - l in k e n " AStA 
unter dem Firmenschild SHB, der korporierte Studenten zu seiner Wäh- 
lerschaft zählte. Dieser SHB agierte im wesentlichen klassisch hoch-
	        

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