Full text: Gesamthochschule Kassel 1971 - 1981

TGIOPIIIGFISCIIBP LIIIBFGSSEII zu SIELLBII. lIIl IXCPIISILICIIUIII WBFCICII uaner 
die traditionellen Inhalte der Lehrerausbildung unter dem doppelten Er- 
kenntnisanspruch der Gesellschaftswissenschaften und einer als Sozial- 
wissenschaft verstandenen Psychoanalyse ergänzt und weiterentwickelt. 
Erziehungswissenschaft wird, über ein enges Verständnis von Pädagogik 
hinausgehend, vom bildungsrelevanten Gehalt der Sozial- und Gesell- 
schaftswissenschaften her neu und umfassender interpretiert. Nach der 
Kasseler Kernstudienkonzeption gehört es ebenso zur erziehungswissen- 
schaftlichen Ausbildung von Lehrern, etwas über Dritte Welt und Rü- 
stungspolitik, die politisch- ideologische Funktion von Gesellschaftsbil- 
dern oder sozial und lebensgeschichtlich bedingte Kommunikationsstö- 
rungen und ihre Überwindung zu hören, wie sich mit Didaktik, Ober- 
stufenreform oder der Entschulungsdebatte auseinanderzusetzen. 
Diese wissenschaftliche Orientierung wird im Kernstudium auch zu ei- 
nem leitenden Maßstab für das - selbstverständlich von der persönli- 
chen Lebenshaltung mitbestimmte - praktische Handeln künftiger Leh- 
rer ausformuliert. Im Zielparagraphen der Kernstudienordnung wird 
vom Lehrer daher gefordert, sich in seiner Tätigkeit an folgenden Ge- 
sichtspunkten auszurichten: "Kritische Selbstwahrnehmung und Selbst- 
bestimmung im gesellschaftlichen Kontext, Erkennen sozialer Unge- 
rechtigkeiten, solidarisches Handeln, aktives Eintreten für Demokra- 
tie und soziale Gerechtigkeit". 30 
Daraus folgt ein Verständnis von Praxisbezug, das in seinen Grundzü- 
gender Auffassung des Bildungsrates von 1970 entspricht 31: Schulen 
genügen den Anforderungen der Zeit nicht mehr. Lehrerausbildung muß 
daher in den Dienst einer wissenschaftlich orientierten Bildungsreform 
treten. Die Praxis, um die es in der Lehrerausbildung geht, karm da- 
her nicht einfach das Berufsfeld des Lehrers in seiner vorfindbaren 
Routine sein, sondern nur eine durch Weiterentwicklung des Vorhande- 
nen erneuerte Praxis. Das Kasseler Kernstudium geht in seinem Pra- 
xisbegriff allerdings über diese Vorstellung noch insofern hinaus, als 
es unter der "Praxis" des Lehrers nicht nur seine unterrichtlichen und 
schulischen Funktionen, sondern den gesamten sozialen und gesellschaft- 
lichen Bedingungszusammenhang schulischer Bildung versteht. Dieser 
gesamte Komplex- so der Anspruch - soll im Lehrerstud-ium wenig- 
stens ansatzweise unter kritischen und konstruktiven Gesichtspunkten 
durchgearbeitet werden; der Beruf des Lehrers soll als wesentliche 
Vermittlungsinstanz für eine positive gesellschaftliche Praxis wirksam 
werden. 
Den am Kernstudium Beteiligten war von Anfang an bewußt, daß ein re- 
formiertes Studienprogramm mit so weitreichenden, tief in die Persön- 
lichkeit und Lebensgeschichte jedes einzelnen Lehrerstudenten eingrei- 
fenden Zielsetzungen nicht in Form einenlinear durchkornponierten 
Studienorganisation verwirklicht werden kann. Die Studierenden würden 
ja dadurch zu bloßen Objekten von sie überwältigenden Ansprüchen an
	        

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