Full text: Gesamthochschule Kassel 1971 - 1981

Zur aktuellen Diskussion 
So weltoffen sich nun die Kunstlandschaft in Kassel ausnimmt, so welt- 
fremd ist sie, wie alle Kunsthochschulen der Bundesrepublik, gegenüber 
den realistischen Erfolgschancen, die Absolventen von Kunstschulen im 
späteren Berufsleben haben. Die Bemühungen im Zusammenhang mit 
der Anpassung an das Hochschulrahmengesetz (1976), einen Dip1om-Stu- 
diengang auch für das Studium der "Freien Kunst" für alle Kunsthoch- 
schulen verbindlich festzulegen, sehen eher darauf, den Künstlerstatus 
als solchen zu behalten. Ein ernsthafter Versuch, hier die Möglichkeit 
einer "Doppelqualifikation" schon miteinzuarbeiten, ist in all den Jahren 
gar nicht erst versucht worden. Das Interesse der betroffenen Kunst- 
hochschulen (auch Kassel) besteht weitgehend in der Erhaltung, oder 
dort, wo er noch nicht oder nicht mehr besteht, in der Schaffung eines 
möglichst großen Bewegungsraumes. Es mußte sehr viel Geduld und Mü- 
he aufgebracht werden, um den verantwortlichen Referenten der Kultus- 
ministerien der Länder zu verdeutlichen, daß sich Kunststudium nicht 
so reglementieren lassen kann und darf wie wissenschaftliches Studium. 
In den zur Diskussion stehenden Entwürfen war - hilfweise wohl - ein 
sehr großer abfragbarer theoretischer Anteil eingearbeitet, der bei 
wohlwollender Betrachtung schon als Hinweis auf eine zusätzliche Quali- 
fikation hätte ausgelegt werden können. Aber eben diese "Verbiegung", 
so nannten es die Rektoren und Präsidenten in ihren Resolutionen, könn- 
te eine totale Verschiebung des Kunststudiums nach sich ziehen. 
Auch die Tatsache, die man ja jetzt statistisch belegt hat 16, daß nur 
ein winziger Teil der Kunsthochschulabsolventen ausschließlich von der 
"reinen Kunst" leben kann, bringt weder die Kunsthochschulen noch die 
Kunststudenten dazu, weitere berufliche Ausbildungsangebote im Stu- 
diengang Kunst anzubieten bzw. zu fordern. Als wir in den Anfangsjah- 
ren der Gesamthochschule schon dieses Problem erörterten, war ich 
nicht so skeptisch, sollte doch gerade eine Gesamthochschule dazu prä- 
destiniert sein, solche Erneuerungen zu realisieren. Heute glaube ich 
aus mehreren Gründen nicht mehr an den Erfolg institutioneller Doppel- 
qualifikation für Kunststudenten, wenngleich sie in der beruflichen Wirk- 
lichkeit nach wie vor notwendig erscheint und auch tatsächlich stattfin- 
det. Lediglich in der Ausbildung von Kunstlehrern, auf die ich aber noch 
zu sprechen komme, und in einer Änderung der Einschätzung der Visuel- 
len Kommunikation sehe ich eine realistische Variante zum freien Kunst- 
studium. 
Bei anderen Ausweich- oder Ergänzungsberufen, bei denen die Affinität 
zum Kunststudiurn nicht so klar oder überhaupt nicht vorhanden ist, ist 
die Ausgangslage ungünstiger geworden, abgesehen von der ohnehin tief- 
sitzenden Abneigung bei allen Betroffenen, solche notwendigen Übel 
auch noch zu formalisieren, wo mehr Bürokratisierung sich als Folge 
schon als unvermeidbar empfiehlt. Die heutige Arbeitsmarktlage läßt 
es auch nicht ohne weiteres zu, in Berufe einzudringen, die schon von
	        

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