Full text: Gesamthochschule Kassel 1971 - 1981

denten einerseits Lehrer werden wollen, andererseits "Freie Künstler", 
haben diese nun mal verschiedene Realitätsbilder, die soweit auseinan- 
der gehen können, daß die einen das als bürgerlich glauben bekämpfen 
zu müssen, wovon die anderen später leben wollen (und müssen). Für 
die praktische Kunst darf das an einer Gesamthochschule nicht gelten, 
was der Hessische Ministerpräsident Holger Börner als überholtes Bil- 
dungsideal bezeichnet, daß die abstrakt-theoretische Begabung im Ver- 
gleich zur praktischen zu hoch eingeschätzt wird. 10 Es sollten sich da- 
gegen praktische künstlerische Arbeit und theoretisch wissenschaftliche 
respektieren, wenn sie sich schon nicht - was erstrebenswert wäre - er- 
gänzen. 
Allerdings, die gekappte Hochschulreform, die Lage am Arbeitsmarkt 
und die Energieverknappung haben die Kunst und die dazugehörenden In- 
stitutionen weniger zum Ort der Aufklärung und Kritik denn zum Zu- 
fluchtsort werden lassen. Zuflucht vor dem "Schlachtfeld eines ruinösen 
Konkurrenzkampfes aller gegen al1e" 11, den es ja gerade in der Schule 
zu verhindern oder abzuschaffen galt, oder vor dem, was man so leicht- 
hin "entfremdete Arbeit" nennt. Und die künstlerischen Bereiche müssen 
sich in der Tat fragen, ob sie das von ihnen erwartete Kompensationsver- 
halten tatsächlich verweigern können. Ob sie nicht tatsächlich eine aus- 
gleichende Arbeit gegenüber (nun doch wieder) Paukschule, monotoner 
Arbeit und Konsumfreizeit leisten müssen. Jedenfalls sind die Antwor- 
ten nicht mehr so seminaristisch glatt wie etwa vor lo Jahren, als die 
Gesamthochschule etabliert wurde. Künstlerisch sind die Kunstbereiche 
nicht mehr so alternativ, lassen, wenn sie therapeutische Aufgaben 
übernehmen sollen, eigentlich nur noch Rückgriffe zu. "Apres-garde" , 
sagt Rolf Schneider 12 und meint den Weg der Kunst in die Geschichte, 
die absichtsvolle Imitation, das Museum als zweite Natur. Von dieser 
zweiten Natur, von dieser Kunst, die von Kunst lebt, von diesem Leben, 
das sich der Kunst verdankt, habe ich mal zu jungen Künstlern gespro- 
chen, die - wie ich meinte - wie im 19. Jahrhundert akademisch mal- 
ten, und, um ihnen ihre Glaubwürdigkeit zu bestätigen, fügte ich hinzu, 
sie seien auch in der Lage, so zu denken. 
Das Mißverständnis war vollkommen, sie hingen aus Protest ihre Bil- 
der ab. Sie wollten nicht zugeben oder wußten nicht, daß ihre Theorie, 
das Eintauchen in eine andere Epoche, die uns wiederum vorwiegend als 
Kunstwelt, als künstliche Welt überliefert wurde, eine von vielen großen 
Malern gebräuchliche Methode ist, die sie zeitweise benutzen, um zu 
neuen Ausdrucksmitteln zu kommen. Van Gogh, Picasso, Bacon und 
Lichtenstein zum Beispiel, den ich in diesem Zusammenhang auch zi- 
tiert hatte: "fast alle Malerei kommt aus anderer Malerei". Lichten- 
stein hat aus diesem Gedanken heraus seine Malerei ja überhaupt ent- 
wickelt und für den Maler Tübke "ist Kunst immer Zitat: einer Wirklich- 
keit, die kann auch aus Kunst bestehen" 12. Wenn man z. B. bewußt re- 
zidive Bilder malt, die aus einer Zeit zu stammen scheinen, die, künst- 
lerisch zumindest, überwunden schien, kann hier ehrenwerte Resigna-
	        

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