Full text: Gesamthochschule Kassel 1971 - 1981

Und mit Theorie hat für die meisten die Praxis gar nichts zu tun, das 
ist einfach antiquiert. Somit werden auch die eigenen Handlungen und 
Aktionen nicht mehr reflektiert, die eigene politische Geschichte wird 
zu nichts anderem als einer Aneinanderreihung von schmerzhaft ge- 
machtenFrustrationen:aber - so tröstet man sich gemeinsam darüber 
hinweg - "ein paar gute Aktionen waren auch dabei". 
Unmittelbarkeit als E rsatz für kritisches Denken: Die 
Artikulierung von unmittelbar empfundenen Gefühlen und Bedürfnissen 
tritt an die Stelle von politischem Denken und Handeln. Die eigenen, als 
richtig empfundenen Gefühle und Bedürfnisse werden zur alleinigen 
Richtschnur für politisches Handeln. Jeder nach seinem Bedürfnis! Das 
kann zumindest in dieser Gesellschaft auch in eine Art Terror umschla- 
gen. 
Der Verlust von kritischem Denken als einem Stachel, der einen vor 
der Vereinnahmung durch die schlechte Realität noch am ehesten be- 
wahrt, hält jede politische Bewegung im Bann dieser Gesellschaft ge- 
fangen. ln diesem Bann der Unmittelbarkeit. verdoppelt sich die in der 
Hochschule erfahrene Frustration und Enttäuschung in einem selbst 
nochmals in Form einer empfundenen Ohnmacht und dem Gefühl, nicht 
mehr handeln zu können. Denken als Negation, "Resistenz gegen das 
ihm Aufgedrängte" (Adorno) wird dabei nicht mehr als eine mögliche 
Widerstandsfo rm e rfahren. 
Was bleibt? 
Nun, bezüglich dieser Reformhochschule und der studentischen Politik 
recht wenig, was uns auf eine bessere Zukunft hoffen ließe. Die Wahl 
eines neuen Präsidenten und die wahrscheinliche Bildung eines Juso- 
AStA verspricht eine sehr langweilige Zukunft. 
Wir können nur hoffen, daß es viele an dieser Hochschule gibt, die eine 
solche Situation und anderes "nicht wollen". Denn "in diesem Nicht- 
Wollen von etwas schläft ja schon das Wollen" wie es uns Ernst Bloch 
verspricht. 18 Leider sagt Bloch nichts darüber, wie dieses "Wollen" 
aus seinem Schlafe zu befreien ist. Doch deutet der Titel an, daß dies 
etwas mit der Auseinandersetzung der eigenen Tradition und der eige- 
nen Lebensgeschichte zu tun hat. Diese aus der Vergessenheit zu be- 
freien, ist nicht anders als durch einen schmerzhaften Prozeß möglich, 
eigene Verdrängungen zu bearbeiten und eine dauernde begriffliche An- 
strengung zu unternehmen. Letzteres meint die Entwicklung eines Den- 
kens und Handelns, das sich nicht vereinnahmen läßt und dessen Aufga- 
be in der Hinterfragbarkeit von all dem besteht, was uns in dieser Hoch- 
schule und in diesem Lande zugemutet wird und vor dem wir allmählich 
das Fürchten lernen müssen.
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.