Full text: Gesamthochschule Kassel 1971 - 1981

setz anläßlich der Neufassung der Landeshochschulgesetze statt: In der 
Stadthalle bereiten 2 ooo Studenten Kultusminister Krollmann bei einer 
Podiumsdiskussion einen heißen Empfang; er wird parodiert, karikiert 
und erhält anstelle von "Tomaten", wie bei ähnlicher Gelegenheit in 
Frankfurt, einen vergoldeten "Arsch mit Ohren" als Gastgeschenk. Es 
ging in dieser Streikaktion nur noch am Rande um die Durchsetzung von 
Forderungen, sondern um die Schaffung eines neuen Klimas an der Hoch- 
schule. In einem Flugblatt heißt es: "Unser Streik kann kein ökonomi- 
sches Druckmittel sein, bei uns können und sollen keine Räder still ste- 
hen wie in einer Fabrik". (. . .) "Wir wissen, daß sich unter Berücksich- 
tigung des derzeitigen Kräfteverhälmisses in der politischen Landschaft 
der BRD diese Gesetze in den nächsten Jahren kaum oder nur geringfü- 
gig zum Guten verändern lassen werden. (. . .) Unsere Vorstellungen 
einer anderen Hochschule mit Lernen statt Pauken, kritischer Diskus- 
sion, Projektstudium, weniger Angst usw. haben momentan im Gesetz- 
gebungsprozeß keine Realisierungschance". (. . . ) "Wir können einzig 
versuchen, uns gegen das Klima, welches im Zusammenhang mit dem 
Reformabbau der letzten Jahre und diesen Gesetzen (HRG, LHG) in die 
Hochschule eingezogen ist, zu wehren, dasheißt: Unsere größte Wir- 
kung des Streikes liegt bei uns in einer Ermutigung zum Alltagswider- 
stand, indem wir z. B. lernen und erfahren, unsere Angst abzubauen, 
in Lehrveranstaltungen wieder zu diskutieren und unsere Bedürfnisse 
einzubringen, Veränderungen konkret zu fordern und auch durchzuset- 
zen. Uns kommt es darauf an, in dem Streik zu lernen, uns in der ent- 
fremdeten Hochschulsituation wieder als "Subjekt" zu verstehen und da- 
nach zu handeln". 13 
Ein Symbol für diese veränderte Wahrnehmung der Hochschu1entwick- 
lung war das Pflanzen einer Palme im AVZ wenig später. In der Be- 
gründung lesen wir: "Die Studentenbewegung und die folgenden Reform- 
versuche bzw. -versprechen ließen eine Hoffnung aufkommen auf eine 
Möglichkeit der Veränderung hin zu angstfreiem, nützlichem und soli- 
darischem Lernen. Diese Hoffnung ist durch die Entwicklungen im Hoch- 
schulbereich bitter enttäuscht worden. (. . . ) In die versteinerten Ver- 
hältnisse, deren sinnfälliger Ausdruck auch unser Stah1-Glas-Beton- 
Klotz ist, pflanzen wir als Symbol des widerständigen Lebens eine Pal- 
me, ihres Zeichens auch Friedenssymbol". 
Die auch subjektive Enttäuschung über den Reformverlauf - als Schei- 
tern von Hoffnungen auf mehr Menschlichkeit - fand ihre Bestätigung 
auch in der Art und Weise, wie in der Hochschule selbst mit dem Re- 
formabbau umgegangen wurde. Die Mehrheit im Gründungsbeirat aus 
Gewerkschaften und Studenten war nicht in der Lage, dem Kultusmini- 
sterium wirkungsvollen Widerstand entgegenzusetzen, weil besonders 
von den Hochschullehrern immer wieder der Versuch gemacht wurde, 
durch vorweggenommene Kompromisse den Bürokraten aus Wiesbaden 
entgegenzukommen. Für die Studenten erlebbar wurde diese Politik der 
Resolutionen ohne entsprechende Bereitschaft zum Handeln bei der 1978
	        

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