Full text: Gesamthochschule Kassel 1971 - 1981

ter der GhK. In dieser Einschätzung - so unsere These - äußert sich 
auch mehr oder weniger reflektiert die Ambivalenz von Studienreformen. 
Erfährt der Student die Verschulung und Vorprogrammierung von sinn- 
vollen Zielen in seinem Studium, die festgelegt werden, ohne daß er da- 
bei mitbestimmen kann, besteht die Gefahr, daß er durch den Verlust 
eines eigenen Handlungsspielraumes eher seine eigene Ohnmacht erfährt. 
S0 gehört es schon zum guten Ton, in Seminaren in der Rolle des "kri- 
tischen" Studenten aufzutreten. Kritik, einst ein Kampfmittel der Stu- 
denten gegen verkrustete Hochschulstrukturen und Methoden der Wahr- 
heitsfindung, droht damit zu einer reinen Anpassungsstrategie zu dege- 
nerieren, mit der Punkte für eine gute Benotung im Examen gesammelt 
werden. Ein anderer Punkt ist die Eigendynamik von Inhalten, für deren 
Verankerung im Studium vor einigen Jahren noch politisch gekämpft 
wurde, wie z. B. das Projektstudium, das heute zumindest im Sozialwe- 
sen zum festen Bestandteil des Studiums gehört. Doch was ist aus den 
ursprünglichen Zielen des Projektstudiums, der Selbst-Organisation und 
Selbstbestimmung geworden? Es ist so gut wie gar nichts übriggeblie- 
ben und zu einem völlig technokratischen und reglementierten Bestand- 
teil des Studiums geworden, das von den Studenten oft genauso als in- 
stitutioneller Zwang angesehen wird wie andere Leistungsnachweise 
auch. 
Von diesen Erfahrungen war der AStA geprägt, und so ist es nicht ver- 
wunderlich, wieso die AStA- Mitglieder ihre politische Identität kaum 
mehr aus ihrer Arbeit in der Hochschule bezogen, sondern aus dem aus- 
seruniversitärem Bereich der linken, sich auch in Kassel bildenden 
Subkultur. Es war die Zeit, in der alternative Projekte (Buchladen, Ca- 
fe, Kneipe, "Auf's Land ziehen") in ihrer Anfangsphase noch mit einem 
großen Optimismus diskutiert wurden und in der die organisierte Öko- 
logiebewegung (Anti-AKW-Demonstrationen) einen wichtigen Bezugs- 
punkt linker Politik darstellte. Ein anderer bedeutsamer Prozeß für die- 
sen AStA war noch die Auseinandersetzung um den "Buback-Nachruf", 
der in der "AStA-Woche" nachgedruckt wurde. Die Gründe für die Ver- 
öffentlichung des Nachrufs, in der ein Göttinger Mescalero seine 
"klammheimliche Freude" über die Ermordung von Buback der Öffent- 
lichkeit nicht verbergen wollte,waren die Schaffung einer Gegenöffentlich- 
keit, da der Inhalt in den bürgerlichen Medien 12 nur einseitig darge- 
stellt wurde, aber auch eine emotionale und inhaltliche Identifikation 
mit dem Geschriebenen. An dieser Stelle brach innerhalb der Basis- 
gruppen und der Hochschulöffentlichkeit eine Diskussion aus, wobei von 
vielen Studenten und Hochschullehrern eine schnelle Distanzierung ver- 
langt wurde, während die Herausgeber an ihrem Standpunkt festhielten. 
Die kontroverse, überhitzte Diskussion (allerdings in einem Klima der 
Angst vor staatlicher Repressionen) dokumentiert auf beiden Seiten den 
Mangel, sich mit der Frage nach dem Verhältnis zur Gewalt genügend 
auseinandergesetzt zu haben. 
Bei den Herausgebern des Artikels löste sicher die Kritik der anderen
	        

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