Full text: Kreis Cassel-Stadt : Text, Teil 2 (6)

Als Gegenstück kann das Haus Thomasstraße 2 angesehen werden. Das in gleich bescheidenen 
Abmessungen und fast denselben Maßen gehaltene gleichfalls dreigeschossige Bauwerk, das wie das erste Beispiel 
eines Hofes entbehrt, wendet seine Schmalfront der Straße, zu. Der Unterschied und auch wohl der Fortschritt 
besteht darin, daß der Vorraum nicht mehr die Form der Halle sondern des Flurs besitzt, der zu der rückwärts 
verlegten, hinter dem Wohnraume angeordneten Stiege, wiederum einer Wendeltreppe, führt. Auch darin kann 
eine Weiterbildung erblickt werden, daß außer dem Vorratsraum unter dem gehobenen Wohnzimmer ein Keller 
sich findet, der mit Gewölbe abgeschlossen ist und Stufenzugang von Außen besitzt. Die beiden Obergeschosse 
wiederholen, der Drehung des Grundrisses entsprechend, das vorgenannte Schema mit der geringen Abweichung, 
daß die Scheidewand nach der Treppe fortgeblieben ist. 
Tafel 362, 5-8 
Der eigentliche Grundentwurf kleinerer Bürgerhäuser liegt im Vorderhause des Grundstückes Markt- Tafelßözis 
gasse 22 vor. Die Wendeltreppe ist an das Ende des Flurs verlegt. Der Wohnraum des Erdgeschosses 
nimmt die ganze Tiefe des Hauses ein. Um einen Ausgang zum Hof zu ermöglichen, ist die Wand zwischen 
Wohnraum und Flur im letzten Teile soweit geknickt, daß an der Treppenspindel Raum für einen Durchgang 
und in der Hinterwand Platz für eine Tür sich ergibt. Eine Abart dieser in verschiedenen Größen vorkommen- 
den Normalie entsteht durch Teilung des Wohnraumes in ein Vorder- und Hinterzimmer. lm Obergeschoß ist 
an der Anordnung eines die ganze Front einnehmenden Vorderraumes und eines kleineren Hinterraumes neben 
dem Treppenhause festgehalten. Bis ins 19. Jahrhundert hat sich bei beschränkten Bauplätzen diese zweck- 
mäßige Art des Grundrisses erhalten mit der Wandlung, daß die gewendelte durch die geradläufige Treppe 
abgelöst wird. 
Eine Erweiterung des Schemas stellt das Haus Klosterstraße 15 dar. Der Grundriß ist rückwärts über 
das Treppenhaus bis auf eine Tiefe von 8,30 m hinaus verlängert. Eine Vervollkommnung der Flurbildung 
bedeutet der Ersatz des schiefwinkligen Knickes der Innenwand durch einen rechteckigen Absatz, der dem 
Hinterteil des Ganges gesetzmäßigere Gestalt und größeren Spielraum gibt. Der hinter der Treppe ver- 
bleibende Raum ist für Geräte ausgenutzt. Als Zuwachs an Wohnräumen ergeben sich im Erdgeschoß ein 
schmalerer Hinterraum, nach dem Kamin zu schließen die Küche, und in den beiden Obergeschossen auf der 
Rückfront ein breiterer Raum von ganzer Frontlänge, das symmetrische Gegenstück des Wohnraumes nach der 
Straße. Zum ersten Mal stellt sich der bei noch größeren Grundstückstiefen in verstärktem Maße sich wiederholende 
Uebelstand heraus, daß durch die Vorlagerung neuer Hinterzimmer eingebaute Räume entstehen, deren Mangel an 
Licht und Luft durch Verglasung der Türen und Anlage von lnnenfenstern nur unwesentlich abgeschwächt wird. 
Beim vorliegenden Beispiel machen sich die Schwächen deshalb besonders bemerkbar, weil der übliche Grenz- 
abstand auf der einen Nachbarseite fehlt und die Geschoßhöhe nur 1,80 m beträgt, Auch insofern nimmt das 
Haus eine Ausnahmestellung ein, als ein Hintergrundstück nicht vorhanden ist. Die Rückfront liegt nach dem 
alten Stadtgraben zu. 
Tafel 362, 9 u. 10 
Tafel 362, 9 u. 10 
Eine wenig größere Verlängerung des Grundrisses bei annähernd gleicher Breite zeigt das Haus MaTkt-Ääfel m, 11-13 
gasse 26, ein architektonisch wohl ausgestatteter Renaissancebau mit zwei steinernen Untergeschossen und oberen 
Fachwerkstöcken. Der 10,0 m tiefe Bau weist schon im Erdgeschoß die Querteilung in drei Räume mit einge- 
bautem Treppenhaus auf. Der Flur ist verkümmert, was wohl in der Verschmälerung des schief geschnittenen 
Grundstückes und der beschränkten Größe des Hofes seinen Grund hat. Hiermit steht im Zusammenhange, daß der 
Hinterraum auf Podesthöhe der Treppe gehoben ist. Dieser Unterschied der Fußbodenlagen drückt sich auch im 
Keller aus, dessen Gewölbe nach rückwärts soweit ansteigen, daß sie die Anlage von Fenstern gestatten. Auch das 
dunkle Mittelzimmer in den Obergeschossen ist unterdrückt. Dafür befindet sich in dem Vorraume des Treppen- 
hauses eine Bodenöiinung zum Durchlassen von Hausrat und Waren. lm Aufbau interessieren bei dem an 
einer alten Hauptstraße gelegenen Hause die Anlage eines Ladenfensters, die Auflösung der inneren Flurwand 
durch Scheiben und die auch sonst oft wiederkehrende Auflösung der äußeren Flurwand durch breite Nischen, 
die offenbar mehr zwecks Raumgewinnung als wegen Materialersparnis vorgenommen wurde.
	        

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