Full text: Kreis Cassel-Stadt : Text, Teil 2 (6)

In der Folgezeit nahm der Hof zunächst eine Branntweinbrennerei und Viehmastanstalt auf. Bis 1783 
enthielt er eine Leinwandbleiche und Kattundruckerei, die unter dem aus dem Kanton Bern eingewanderten 
Schweizer Benedikt Niggeler aber fallierte und von 1783 bis 1785 in beschränktem Umfange üskalisch weiter- 
betrieben wurde, bis sie an die Gebrüder Ahnesorge in Erbleihe überging} 
Diese beiden Kapitalisten, die in Hamburg ein großes Vermögen erworben hatten, beteiligten sich nur 
finanziell an dem Unternehmen, dessen Leitung sie 1785 ihrem sachkundigen Freunde und früheren Geschäfts- 
teilhaber, dem aus der berühmten Schülerschen Fabrik hervorgegangenen Johann Christian Ludwig Spindler 
aus Crailsheim in Ansbach-Brandenburg übertrugen. Er sowohl wie die Gebrüder Ahnesorge erhielten den 
Finanzratstitel. Die letzteren mußten sich den merkantilistischen Zeitanschauungen entsprechend verpflichten, 
ihr gesamtes Kapital, Hab und Gut in Hessen anzulegen. Aus dem Agathof schufen sie ein Fideikommiß. 
Die tüchtige geschäftliche und technische Führung brachte der Fabrik außergewöhnliche Erfolge und setzte sie 
in den Jahren 1792 bis 1798 mit 300 Arbeitern an die Spitze aller hessischen lndustrien? 
Der im Jahre 1801 erfolgte Tod beider Brüder und die allgemeine politische und wirtschaftliche Be- 
drängnis Deutschlands wirkten auf die Kattun- und Filzfabrikation so nachteilig ein, daß sich Spindler im Jahre 1811 
vom Agathof zurückzog und ihn seinem Schwager Jak. Chr. Nerong aus Flensburg überließ. Allein Nerong 
vermochte den Niedergang der Fabrik nicht aufzuhalten; 1832 hinterließ er sie seinem Sohne Heinrich Gottfried, 
der durch mancherlei Verbesserungen, vor allem durch Einführung der Dampfkraft im Jahre 1837 die Ertrags- 
fähigkeit bedeutend steigerte und als internationale Konkurrenz auch auf den Märkten von Mittel- und Süd- 
amerika mit großen Erfolgen erscheinen konnte. lm Veredelungsverkehr wurde der Fabrik Zollfreiheit zugestanden 
und alles deutete auf eine endgültige Überwindung früherer Schwierigkeiten und schlechter Geschäftsjahre hin, 
als am 7. Januar 1850 Heinrich Gottfried eines frühzeitigen Todes starb. Der Agathof, der seit der Auf- 
hebung der Erbleihe im Jahre 1848 in den unumschränkten Besitz des Eigentümers gelangt war, ging nun auf 
die noch unmündigen Kinder über und mußte einstweilen der unvorteilhaften Obhut Fremder überlassen werden} 
Dennoch glückte den beiden herangewachsenen Söhnen eine gedeihliche Fortführung des väterlichen 
Geschäftes, das um 1872 abermals einen Höhepunkt erreichte, wiewohl inzwischen eine sehr verschärfte 
Konkurrenz neben einem Ermatten der Nachfrage nach den langsam sich überlebenden Artikeln der Kattun- 
und F ilzfabrikation sich bemerkbar machte. Das Schicksal des stolzen Unternehmens war besiegelt, als seine kräftigste 
Stütze G. Nerong ihm 1875 durch den Tod entrissen wurde. 1883 geriet der Agathof in Konkurs; er wurde 
von Diemar und Heller übernommen, die eine Seifenfabrik darin einrichtetenß Die alte Pracht aber, die 
Wohlhabenheit und Kunstsinn in glücklichen Tagen hier in den Wohnräumen angehäuft hatten, zerstob unter 
den Hammerschlägen des Auktionators. Von allem blieb nicht viel mehr als drei in Farbe und Form trefflich 
gelungene Tonöfen auf eisernen Feuerungskästen im Stil des Empire, und eine sehr schöne blaugetönte Papier- 
tapete auf Leinwand, von üppigen, saftig kolorierten Fruchtfriesen ringsum eingefaßt, sowie drei Supraporten 
mit bunten Figuren in antiken Gewändern auf schwarzem Grunde. Diese Papiertapete ist insofern von Interesse, 
als sie zu den ersten in Deutschland erzeugten Wandbekleidungen dieser Art gerechnet werden mußß 
' Engelhard, Erdbeschreibung l S. 138. Woringer, Arnold S. 139. Diemar, Agathof S. 184. 
' Apell, Cassel 1792 S. 43. Nemnich, Tagebuch. Hessenland Ill S. 3101i. Piderit, Cassel S. 324. Zwenger, lndustr. Verhält- 
nisse S. 310. Woringer, Arnold S. 139. Diemar. Agathof S. 184 ff. Brunner, Cassel S. 397. 
3 Diemar, Agathof S. 214 ff. 
4 Diemar, Agathof S. 252. 
5 Die Tapete entstammt wohl der Tapetenfabrik von Arnold in Cassel. K.- H. Arnold war der Begründer der Tapetenindustrie, 
die den Schablonendruck zu Gunsten des Formendruckes verschmähte. Arnold, der freundschaftliche Beziehungen mit dem Kattunfabrikanten 
Spindler auf dem Agathof unterhielt, betrieb früher ein Geschäft für Damenartikel im Hause Brüderstraße Nr. 8, begann aber etwa um 1780 
nach englischem und österreichischem Vorgehen mit Versuchen zum Tapetendruck. Er übernahm das im Kattundruck übliche Verfahren der 
Formendruckerei, das sich alsbald glänzend bewährte. Da Arnold über Geschmack und künstlerische Fähigkeiten verfügte, lieferte er die 
Muster seiner Tapeten selbst, die überall günstig aufgenommen und auch für das neuerbaute Schloß in Wilhelmshöhe begehrt wurden.- 
Arnold gab infolgedessen sein früheres Geschäft auf und begründete in der Wildemannsgasse eine Tapetenfabrik, die die Vorgängerin der im 
Jahre 1830 in Berlin errichteten berühmten Amoldschen Tapetenfabrik war. Vgl. Woringer, Arnold S. 139. Vgl. auch Abschnitt „Bürger- 
häuser. Haus Wilhelmshöher Platz Nr. 4". 
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