Full text: Kreis Cassel-Stadt : Text, Teil 2 (6)

langjähriger Verhandlungen war, im März 1785 noch nicht bestand, 1787 aber tatsächlich ausgeführt war, da 
Abrechnung vorliegt. Er bestand aus unverputztem Fachwerk. 1795 legte du Ry auf mündliche Anordnung 
des Landgrafen einen Anschlag vor, wie der „zwischen den beyden Flügeln deß Meßhauses stehende Pavillon, 
worinnen die Wage befindlich ist, über holz getüncht und wie die Flügel angestrichen werden" könnten. Voll- 
endet war der kleine Bau um diese Zeit freilich noch nicht. Es stand nur das Erdgeschoss. Zum Ausbau der A 
beiden oberen Stockwerke wurden erst 1797 Mittel bewilligt. Als der Eckbau des Meßhauses an der Wilhelms- 
und Karlsstraße von der Münze belegt wurde, mochte die Notwendigkeit, an der Königsstraße einen größeren 
Flügel zu errichten, in verstärktem Maße auftreten. Jedenfalls wurde, wie eine Angabe vom Jahre 1828 1 be- 
richtet, „das Vorder- oder Hauptgebäude, das 300 Fuß lang ist, in der westphälischen Zeit erbaut". Der Bau 
ging sehr schnell vor sich. Er entstand „in einem Sommer", war „sehr leicht" gehalten und zeigte eine Architektur 
„nach französischer Art". Lehrreich für die Entstehungsgeschichte dieses letzten Erweiterungsbaues und seine 
Beurteilung kurz nach Abzug der Franzosen ist eine Kritik des Jahres 1814} die vielleicht mit einiger Vorsicht 
aufgenommen werden muß. Darin heißt es, daß der neue Flügel, der übrigens als architektonisch gelungen 
bezeichnet wird, „fast ohne Beispiel das Werk von 14 Tagen ist, vor der Augustmesse im Jahr 1809 unter 
der Leitung des Directors der Krongebäude, Herrn Jussow, von dem Bauconducteur Jahn aus Berlin aufgeführt; 
in 4 und einem halben Tage war allein das Dachdecken mit 75000 (schreibe siebenzig und fünftausend) Ziegel- 
steinen vollbracht. Heißt dies nicht das alte Sprichtwort: ,Rom ist nicht an einem Tage erbaut' zu Schanden 
machen? Kein Wunder, daß man vor lauter tout de suite an das Allerwichtigste, an einen festern und dauer- 
haftern Grund des Hauptgebäudes - des Königreichs selbst - nicht dachte! - Gegen das Königliche Verbot, 
Privathäuser von Holz zu bauen, wo Feuersgefahr zu befürchten ist, wurde das Meßhaus selbst, welches an die 
Münze stößt, ungeachtet der in letzterer befindlichen Kohlen, Schmelze usw. nur von Holz aufgeführt". 
Sonst ist aus der Baugeschichte des vielseitigen Hauses wenig bekannt. Hinsichtlich der Benutzung 
des Gebäudes gibt eine Beschreibung des Jahres 18373 noch an, daß im unteren Teile des Hauses eine ständige 
Niederlage moderner Möbel sich befand, die eine Gesellschaft Casseler Schreinermeister unterhielt, und daß auch 
der neu eingeführte Wollmarkt im Meßhause abgehalten wurde. Eine jüngere Angabef besagt, daß im zweiten 
Stock sich früher die Schuhgalerie befand und daß in den untersten Gewölben die fremden Lederfabrikanten feil- 
hielten. In den sechziger Jahren des 19. Jahrhunderts wurden die Seitenflügel im Erdgeschoß durch Einbrechen 
von Lichtöffnungen und Anbringen von entsprechenden Umrahmungen in besseren Einklang mit dem Vorderbau 
gebracht und mit diesem gleichmäßig braun getöntß Der an der Ecke der Wilhelmsstraße und Karlsstraße 
gelegene Bauteil, der bis dahin als Münze benutzt war, diente seit 1866 als Offizierskasino. Ende 1904 fiel 
das Meßhaus, dessen Einrichtung auch noch in der Neuzeit als zweckmäßig bezeichnet wurdeß um dem Bau 
des neuen Rathauses Platz zu machen} . 
Vom Aussehen des Flügels an der Königsstraße geben ältere Abbildungen Kenntnis} Der als Haupt- 
stück des Meßhauses anzusprechende Bauteil erscheint als langgestreckter, dreigeschossiger, geschlossener Bau- 
körper, den ein flaches, an den Enden abgewalmtes Satteldach deckt. Die beiden unteren Geschosse sind durch 
flache jonische Pilaster zusammengefasst, über die sich ein kräftiges Gebälk mit stark ausladendem Hauptgesims 
hinzieht. Jedes der siebzehn lnterkolumnien der Vorderfront nimmt eine Fensterachse auf. Ein flaches Risalit, 
das die mittleren drei Achsen zusammenschließt, tritt in der Fassade kaum merklich in die Erscheinung und war 
durch eine niedrige Attika auf dem Dache auch in der Höhe nur mäßig hervorgehoben. Die Mitte der beiden 
Rücklagen ist im Erdgeschoss durch ein rechteckiges Einfahrtstor mit Pilastern und Gebälk betont. Auf den 
' Cassel u. Wilhelmshoehe S. 50. 
' Garküche S. 27 f. 
3 Lobe, Wanderungen S. 62 
4 Hessenland XlX S. 12. 
5 Handzeichnungen mit Genehmigungsvermerk des Kurfürsten Friedrich Wilhelm. Staatsarchiv Marburg. 
6 Narten, Cassel S. 292. ' 
7 Hessenland XIX S. 12. t 
3 Stadtplan v. Koppen 1830. Photographische Aufnahme, Denkmälerarchiv Cassel. 
Tafel 351,: 
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