Full text: Kreis Cassel-Stadt : Text, Teil 2 (6)

äägääägääääääg Gebäude. QQ QQQQ 
Tafel 9 
Laut Verfügung des Jahres 1753 1 sollte noch „ein Platz aptieret werden, worinnen die Züchtlinge zuweilen 
in freier Luft arbeiten" konnten. Unterhalten wurde die Anstalt durch mannigfache Beisteuern, in späterer 
Zeit namentlich durch die für die Benutzung von Kegelbahnen und Billards erhobenen Abgaben. 
Nach den Stadtplänen bestand das Haus anfänglich nur aus einem einzigen Flügel, der sich im rechten 
Winkel an das Nordostende der Unterneustädter Mühle anschloß. Nachdem die Wälle gefallen waren, erfolgte 
die Erweiterung um einen Winkelflügel, der nicht ganz bis an die neue Stadtmauer heranreichte. Ursprünglich 
muß sich an Stelle des Gebäudes ein anderes Bauwerk befunden haben. Wenigstens zeichnet 1673 Wessel ' 
hier einen rechteckigen Grundriß, in den drei Kreuzgewölbe, darunter das mittlere. von geringerer Breite, ein- 
getragen sind. Ob es sich um ein selbständiges Gebäude oder einen Zubehör zur Mühle, vielleicht einen 
Keller handelt, ist nicht ersichtlich. 
Die Bestimmung des Hauses hat öfters gewechselt. Wie Schminke 3 1'767 berichtet, diente es „ehedem 
zum GefangenhauseWf 1776 wurde bestimmt, daß „die ehrlichen Gefangenen ins Zuchthaus transportiert, ins 
Spinnhaus aber nur solche Leute condemnirt werden sollen, welche Delicta infamantia begangen haben, mithin 
das Spinnhaus unehrlich bleiben" solle. Zur Zeit der französischen Revolution sollten die Insassen des Hauses 
ebenso wie die Sträflinge des Stockhauses dadurch, daß sie nach der neuen französischen Mode gekleidet 
wurden, dazu beitragen, die umstürzlerischen Gedanken von der hessischen Hauptstadt fernzuhalten, doch kam 
die Maskerade nicht Zustandes" In Westfälischer Zeit trat wiederum eine Änderung in der Bestimmung des. 
Hauses ein. Durch Dekret vom 6. Juni 1808 wurde das Spinnhausgebäude zu einem Zwangsarbeitshause für 
hausierende Bettelleute bestimmt und eingerichtet, als welches es jedoch nur bis zum 15. November 1808 be- 
stand, wo die damaligen Insassen in das bisherige Menageriegebäude in der Karlsaue überführt wurden. Nun- 
mehr kamen die bis dahin zum Spinnhaus verurteilten weiblichen Verbrecher ins Zuchthaus. Im Jahre 1811 
berichtete der Secretarius Augener dem Maire, daß das Gebäude, das als Zwangsarbeitshaus aufgeführt wird, 
„vorhin nur allein der Landesherrschaft angehörte und von derselben in Bau und Besserung erhalten wurde, 
ursprünglich aber unter dem Namen ,Spinnhaus' zur Aufnahme und Bestrafung solcher weiblicher Verbrecher, 
die den Tod verwirkt hatten, bestimmt war, auch zu diesem Zweck bis in die Mitte des Jahres 1808 gedienet 
hat. Unterm 19. August 1808 ist aber dasselbe auf ministeriellen Befehl zu Umschaffung in ein Arbeitshaus 
der Wohltätigkeits-Commission überwiesen worden. Das Gebäude selbst besteht in einem großen massiven 
Gebäude nebst einem nach dem siebenjährigen Kriege daneben leicht aufgeführten Flügel. Von diesem Flügel 
benutzt aber das Zwangsarbeitshaus nur die zweite Etage, indem den ganzen untern Raum, ferner die erste 
Etage und den Boden dieses Flügels die Kaiserliche Domainendirektion bis jetzt noch im Besitz behalten und 
dem im verflossenen Jahre neu angetretenen Pächter der Unterneustädter Mühle zur Niederlage seines Werk- 
holzes überlassen hat." 6 In einer Sitzung der Wohltätigkeits-Kommission am 25. Juli 1812 wurde die Eigen- 
' Kammer-Archiv X 4. Staatsarchiv Marburg. 
' Stadtplan v. Wessel 1673. 
' Cassel S. 245. 
4 Brunner, Gefängnisse: „Die schweren Verbrecher, diejenigen, welche zur Zwangsarbeit verurteilt waren, wurden damals (in der 
zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts) und noch lange die Nacht über auf oder an dem Unterneustädter Wall in der Kasematte oder wahr- 
scheinlicher einem Gebäude auf dem Platze des späteren Spinnhauses untergebracht." Nach Neuber, Gefängnißwesen S. 55, soll das Ge- 
bäude des Spinnhauses zunächst als Stockhaus benutzt worden sein. 
5 Diemar, Gefängnisse: „Nachdem die Eisengefangenen in ihrem neuen französischen Kostüm die Straßen reinigen mußten, sollten 
zum abschreckenden Beispiel der Kasseler Damenwelt die Insassinnen dieses Hauses auch einmal öffentlich sich in französischer Tracht zeigen 
und durch die Stadt geführt werden. Sie waren ohne Unterschied der Jahre zu dem Ende mit tief ausgeschnittenen Kleidern, in welchen 
sie sehr decolletirt aussahen, sowie mit stumpfen Schuhen, Handschuhen, überhaupt ganz nach der neuesten Pariser Mode ausstaliiert worden. 
Als der bestimmte Tag erschienen, an welchem die Promenade stattünden sollte, waren die Damen des Spinnhauses a la Titus frisiert, an- 
gekleidet und die Soldaten zur Bedeckung bereits am Platze; ganz unerwartet traf jedoch Gegenbefehl ein. Die ganze Einwohnerschaft. 
Cassels _war auf den Beinen, viele Handwerker feierten, eine Menge Landleute aus der Umgegend waren angekommen, alle Herbergen und 
Wirtshäuser gestopft voll und viele Strolche lärmend, angetrunken sich auf der Straße umhertreibend. Da eilte die Landgräfin zu ihrem 
Gemahl, stellte ihm die Sache vor, welcher Skandal aus diesem Aufzuge entstehen könnte und welchen Ausgang die Sache überhaupt nehmen. 
könne, wäre noch garnicht vorauszusehen, worauf das arrangierte Volksschauspiel unterblieb." 
' Stadtarchiv Cassel J 280. 
Y " 582 
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