Full text: Kreis Cassel-Stadt : Text, Teil 2 (6)

Tafel 14.1 15 u. 16 
hinkünfftig beigegeben, auch ebenfalls mit denen Tagelöhnern, zumahlen beym Wasserbau zusammengestellet, 
nicht weniger in der Aue zur Garten-Arbeit angehalten werden". Zu den Insassen des Gebäudes gehörten so- 
wohl Bürger als Soldaten. Einige Angaben über das Haus, in dessen inneren Verfassung sich offenbar nichts 
geändert hatte, macht 1767 Schminke} „Allhier werden die zu öffentlicher Arbeit (ad opus publicum) entweder 
auf eine bestimmte Zeit oder auf Lebenslang verurtheilte Gefangene aufbewahret. Diese werden in zwo Classen 
eingetheilet, die unehrliche und ehrliche, davon die letztere weit leidlicher gehalten werden. im Jahre 1751 
ist dieses Gebäude erneuert und mit zween Flügeln vergrößert worden". Eine Änderung am Gebäude vollzog 
sich nach Entfestigung der Stadt. „Das Stockhaus für die zu den Eisen oder öffentlicher Schanz- und anderer 
Arbeit verurtheileten Missethäter oder Gefangenen", so berichtet 1778 Engelhardf „lieget hinter der Garnison- 
kirche, und stunde sonsten mit der hinteren Seite dichte an dem Walle. Nach dessen Abtragung aber ist diese 
hierdurch entblößete Seite mit einer gemahlten blinden Gesichtsseite oder Facade versehen und an die neue 
Carlsstraße angehängt worden; So, daß sie durch die auf den Königsplatz gehende Straße das Gesichte dahin 
hat". 1786 wurde noch eine dritte Klasse von Gefangenen „ohne Eisen" für leichte Vergehen eingeführt}; 
Während der französischen Revolution spielte das Stockhaus insofern eine merkwürdige Rolle, als seine Insassen 
auf Befehl Landgraf Wilhelms IX. zum abschreckenden Beispiel, nach der neuesten französischen Mode gekleidet 
und frisiert, nämlich mit kurzgeschnittenem ungepuderten Haar, ohne Zöpfe, mit langen Hosen undhohen 
Zylinderhüten durch die Straßen der Stadt geführt wurden? Eine vierte Klasse von Gefangenen wurde 1817 
gebildet mit der Bestimmung, daß nunmehr bloß diese vierte Klasse ohne Ketten sein sollte! Unter der Regierung 
Kurfürst Wilhelms lI. wurde das Gebäude niedergelegt. Es hatte schon lange infolge der zahlreichen und ab- 
stoßenden Executionen, die an den Eisengefangenen vollzogen wurden, das Mißfallen der Bewohner der be- 
nachbarten Häuser hervorgerufen. Auch auf Fremde machte das Gebäude einen ungünstigen Eindruck. Während 
die übrigen Gefängnisse „in Gegenden der Stadt angelegt waren, in welche sie ihrer Absicht nach sich 
schicken", lag das Stockhaus „zwischen der Alt- und Oberneustadt, allzunahe am schönen Königsplatze"? Auch 
paßte es nicht recht in die Nähe des 1821 in Angriff genommenen Neubaues des Residenzschlosses. Im Jahre 
1823 kam es durch öffentliches Ausgebot auf Abbruch in den Besitz eines Zimmermeisters Koch, welcher an 
der Stelle des Stockhauses das noch jetzt stehende Wohngebäude Nr. 14 der unteren Karlsstraße errichtete. 
Von den Gefangenen kam die erste Klasse nach Ziegenhain; die übrigen Klassen wurden in das ehemalige 
Spinnhaus und spätere Stockhaus am Mühlenplatz überführt." 
Lage und Flächengestalt des Gebäudes ist aus den Stadtplänen zu ersehen." Das Haus lag ursprüng- 
lich außerhalb der Stadtmauer, aber innerhalb des Festungswalles, in dessen Böschung es sich hineinschob." 
Die beiden obengenannten Erweiterungsflügel stellen sich als kleinere Flankenbauten dar, die sich den Ecken 
der Vorderfront des rechteckig im Grundriß geformten Hauptgebäudes anschlossen und in dem schmalen, gang- 
artigen Zwischenraum zwischen Wall und Mauer nur geringe Ausdehnung erreichten. Eine Beschreibung gibt 
Neuberß „Das Hauptgebäude, für die Gefangenen eingerichtet, hatte sehr feste Gefängnisse in Zellen für ie 
10 Mann mit dicken Mauern, im Erdgeschosse für die schwersten Verbrecher. Im Ganzen konnten über 200 
Gefangene untergebracht werden. Ein nach Süden gelegener Flügel war für vier Stockknechte mit ihren 
Familien, und einer nach Norden für den Stockmeister mit Familie bestimmt. Außerdem war in dem inneren 
Hofraum nach Norden zu ein besonderes Wachthaus zur Aufnahme einer starken, stets mit scharf geladenen 
' Cassel S. 244 f. 
2 Erdbeschreibung l S. 101 f. 
' Hess. Landes-Ordnungen VII S. 23. 
4 Wagner, in Landans Kollektaneen, Landcsbibliothek Cassel. 
_"' Bibra, Cassel S. 33. 
' Neuber, Gefängnißwesen S. 68. 
' Stadtplan v. S. L. du Ry 1768. Stadtplan v. Selig 1781. Stadtplan v. Selig 1822. 
' Stadtplan v. Wasserhuhn 1766. 
' Gefangnißwesen S. 60. 
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