Full text: Kreis Cassel-Stadt : Text, Teil 2 (6)

Goldkammer; ein anscheinend etwas strengerer Arrest hieß die Neue Welt. Für den Zustand des Gefängnisses 
im Hinterhause des Oberneustädter Rathausesl spricht ein Bericht des Jahres 1796, demzufolge die Häftlinge 
Gefahr liefen, durch den Fußboden durchzubrechen. ' 
Neben diesen festen Gewahrsamen gab es noch bewegliche Gefängnisse. Diese „Narrenkasten" befanden 
sich, wie die Pranger, an den besuchtesten Verkehrswegen und Plätzen der Stadt, wie in der Fuldagasse, nahe 
der Fuldabrücke, am Zwehrentor und vor dem Hohentorß 1471 wurde ein solcher „Torenkasten", aus Latten 
zusammengeschlagen und mit Ziegeln gedeckt, auf der Fuldabrücke aufgestellt. Ein kranker Knecht verzehrte 
damals einen Schilling darin, einem anderen wurde Bier gereicht. Zwanzig Jahre später saß einmal ein Krämer 
„im Kasten" und auch eine Frau bildete den Gegenstand des allgemeinen Gespöttes. Im Jahre 1526 wurde 
der Torenkasten aus der Fuldagasse auf das Rathaus geführtf und lange Zeit erfährt man nichts mehr von ihm. 
Aber am 12. September 1686 wurde wieder „ein Narrenhäuslein" neben die Justitia auf dem Markt gesetzt. 
Wie lange sich die Einrichtung in Cassel hielt, ist nicht bekannt. 1806 scheint die Bezeichnung „Kasten" in 
Hessen allgemeiner zu verschwinden. 
Ein besonderes Gebäude für die Unterbringung von Gefangenen bildete das Stockhaus.- Seine Entstehungs- 
zeit ist unbekannt. Auch seine genaue Lage scheint nicht zu ermitteln zu sein! Erwähnt wird das Haus wieder- 
holt in den Stadtrechnungen des Jahres 16395 S0 ist die Rede davon, daß Heinrich Kropff Zins zahlt aus 
seinem Haus auf'm Ehrenpreis „stehet uffen Stockhause an Peter Deising". Ebenso zahlt Andreas Ruhl Zins 
aus seinem Hause, das die wüste Stätte an Peter Deusing war, „da das Stockhaus gewesen". Um diese Zeit 
war das Stockhaus also schon verschwunden. Sein Untergang kann indessen nicht lange zuvor erfolgt sein, 
denn in eben dem Jahr 1639 erhielten Curt Bischoff und seine Gesellen 7 Gulden 10 Albus dafür, daß sie das 
Stockhaus abgebrochen hatten, „weil es in die Gasse fallen wollenf" Die ungefähre Lage wird durch den Ehren- 
preis bestimmt, welche Bezeichnung leider selbst wieder nicht mit völliger Sicherheit festliegt. Der Name Ehren- 
preis kommt wiederholt in einem Häuserverzeichnis des Jahres 1605 vor," wo er zur Bezeichnung des Straßen- 
zuges benutzt wird, der jetzt den Teil des Pferdemarktes ausmacht, der zwischen der Einmündung der Schäfer- 
gasse und der Untern Königsstraße liegt, wo er aber auch anscheinend jene enge Gasse bezeichnet, die sich an 
dieser Stelle an der Stadtmauer entlang zog! „Vff vndt vmb den Ehren Preiß in das Enge Geßlein zur lincken 
handt bey d Mauern hinein" lagen, offenbar nach dem Hintergelände des alten Zeughauses zu, „ein Hirten 
Hauß der Stadt Caßel" und ein „Hauß der Stadt Caßel darin der todtengreber wohnet", also Häuser öffentlichen 
Besitzes und untergeordneter Bedeutung. „Vfm Ehren Preiß die rechte Handt hernieder von der Mauer", also 
innerhalb des obengenannten Teiles des Pferdemarktes lagen Bürgerhäuser. Hier wohnte, und zwar etwa in 
der Mitte der jetzigen Südfluchtß Jost Deusing, vielleicht der Vater des obengenannten Peter Deising, der in 
dem Häuserverzeichnis selbst noch nicht vorkommt. Der Gedanke könnte nahe liegen, bei Jost Deusings Haus 
jene Stelle zu suchen, an der das Stockhaus sich befunden hatte. lndessen ebenso gut möglich wäre der Platz 
des Stockhauses in der Engen Gasse an der Stadtmauer anzunehmen, auf die wahrscheinlich ebenfalls die Be- 
zeichnung Ehrenpreis anzuwenden ist, und damit zu rechnen, daß Deusing einen Hauswechsel vorgenommen 
' Vgl. Abschnitt „Oberneustädter Rathaus" S. 480. 
2 Neuber, Gefängnißwesen S. 34, weist noch auf das „Ketenhus" hin, das bei Stölzel, Stadtrechnungen S. 2 Nr. 3 zum Jahre 
1468 erwähnt wird. „Ob darunter ein Gefängniß, ein Gefangenen-Haus, zu verstehen, läßt sich nicht sagen, und ergibt sich auch nicht aus 
der Zusammenstellung mit dem darauf genannten Hause ,auf der Brücke unter dem Thorei" Vgl. auch Diemar, Gefängnisse. 
' Stölzel, Stadtrechnungen S. 24 Nr. 45, S. 70 Nr. 75, S. 72 Nr. 77 u. S. 129 Nr. 55. 
4 Stölzel, Stadtrechnungen S. 50 Nr. 47, S. 68 Nr. 71, S. 70 Nr. 75, S. 72 Nr. 77 f, S. 98 Nr. 9, S. 106 Nr. 26 u. S. 204 Nr. 122. 
5 Stadtarchiv Cassel D 200. 
' Neuber, Gefängnißwescn S. 60, gibt als Datum des Abbruches den 23. August 1639 an. 
" Stadtarchiv Cassel E 16. 
b s Auch Diemar, Gefängnisse, gibt den Ehrenpreis als am Ende des Pferdemarkts gelegen an. „Der Name vEhrenpreisr scheint 
von den beiden hier gestandenen Frauenhäusern abzustamrnen und heißt heute noch im Munde des Volkes der vKuttenplatzl. An diesem 
Platze hatte früher der Scharfrichter seine Wohnung". 
9 Vgl. Häuserverzeichnis v. 1605, Quartier F, Stadtarchiv Cassel K 36. Vgl. auch die Stadtpläne v. A. C. Wagner aus dem 
Jahre 1867, (Rekonstruktion der Grundstückslagen von 1605) Handzeichnungen Murhardbibliothek Cassel. 
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