Full text: Kreis Cassel-Stadt : Text, Teil 2 (6)

 
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Holzdecke von Wand zu Wand reichten. Zwischen der südlichen Schmalfront und dem nächsten Baublock der 
Bürgerhäuser findet sich eine größere Lücke, die wohl ursprünglich von dem einen Nebengebäude eingenommen 
war und später als Einfahrt zum Hintergelände diente, das den ganzen Winkel der Stadtmauer ausfüllt und 
zum größten Teil als Garten aufgeteilt erscheint. 
Aus der weiteren Geschichte des Hauses scheint nichts bekannt zu sein, als die Tatsache, daß die 
Landgräfin Hedwig Sophie das Bauwerk niederlegen und an seiner Stelle 1674 das Fruchthaus, das noch heute 
stehende Proviantmagazin, errichten ließ} 
Zuchthaus am Zuchtberg. 
Seitdem Landgrätin Hedwig Sophie das Zuchthaus in der Schäfergasse hatte niederlegen lassen, mochte 
sich das Fehlen eines Korrektionshauses im lnteresse der Wahrung der öffentlichen Ordnung unangenehm be- 
merkbar machen. Landgraf Karl nahm daher eine Neugründung der Anstalt? vor. Der Neubau entstand in 
den Jahren 1720 und 1721 hinter dem Gießhause an der Fulda, an der Stelle, wo früher der Jungfernturm 
gestanden hatteff Der vorbeiführende Straßenzug Am Zuchtberg erhielt von ihm seinen Namen. Zur Deckung 
der Baukosten des neuen Hauses wurden mehrere Male Landeskollekten ausgeschrieben} Die Unterhaltungs- 
kosten legte Landgraf Karl auf die bei Kirchweihen und Schenkhochzeiten, von Musikanten und Spielkarten, 
auch von den Juden bei ihrer Kopulation fallenden Abgaben. 
Wie das alte Zuchthaus sollte auch das neue in erster Linie Erziehungs- und Besserungszwecken dienen. 
Es war ein in der damaligen Zeit hochgepriesenes, „dem gemeinen Wesen zum Besten" errichtetes Institut, 
welchem der Landesherr seine besondere Fürsorge zuwendete. Ausdrücklich wurde in der Zuchthaus-Ordnung 
vom 1. September 17205 festgelegt, daß das Haus „soviel möglich mit Ehr und respect behandhabet" werde, 
damit „keine infame oder Ehrlosen und so unter des Nachrichters Hand geweßen", hineingenommen würden 
und dem Hause zum Präjudiz gereichen könnten. Zu den Insassen gehörten auch die mißratenen Söhne wohl- 
habender Eltern. Allein neben diesen mangelhaft erzogenen Kindern fanden auch wirkliche Übeltäter Aufnahme 
und zwar Personen beiderlei Geschlechts. Nach der Zuchthaus-Ordnung sollten „in verschiedenen Classen 
ungerathene Kinder, Verschwender und Müßiggänger biß zu lhrer besserung, auch sonstige Maleficanten, Falsary 
undt Landstreicher zur straffe zur Arbeit angehalten und verpfleget werden". Die der Zuchthaus-Ordnung kurz 
vorausgehenden oder nachfolgenden Gesetze bedrohten mit Zuchthausstrafe Bettler, Zigeuner, die gegen umher- 
ziehendes Gesindel zu nachsichtigen Beamten, die dem unerlaubten Kaffeegenuß huldigenden Personen, lieder- 
liche Frauenzimmer und Paare, die sich außer Landes trauen ließenÄ Bemerkenswert ist, daß Diebe nur in 
solchen Fällen dem Zuchthaus zugeführt wurden, wo leichtere Vergehen vorlagen und auf Besserung der Ver- 
hafteten zu rechnen war. Es bleibt für die Eigenschaft der Anstalt bezeichnend, daß noch 1751 und selbst 
noch 1776 der Grundsatz betont wird, Ehrlose nicht aufzunehmen. Daß das Haus 1757 vorübergehend von 
den Franzosen als Lazarett benutzt wurde, vermerkt die Chronik} 
ln den Stadtbeschreibungen spielt das Gebäude nur eine untergeordnete Rolle. Es fällt auf, daß 
der Charakter der Anstalt als Besserungshaus nach und nach schwindet. Wie Schminkeß 1767 be- 
richtet, diente das Haus um diese Zeit als „Behältniß strafwürdiger Personen, worinnen dieselben entweder 
auf einige Zeit oder auf Lebenslang zu beständiger Arbeit angehalten werden". Kriegerf bezeichnet 1805 sogar 
das Haus als „Gefängniß solcher Personen, welche der menschlichen Gesellschaft durch ruchlose Thaten ge- 
l Vgl. Abschnitt „Fruchthaus".  
x 
2 Neuber, Gefingnißwesen S. 46 ff. Brunner, Armenwesen S. 23 u. 32. Brunner, Gefängnisse. 
' Schminke, Cassel S. 243. Engelhard, Erdbeschreibung I S. 101. 
4 Piderit, Cassel S. 249 f. 
5 Hess. Landes-Ordnungen lll S. 883. 
6 Neuber, Gefängnißwesen S. 48. 
7 Losch, Chroniken S. 98. 
s Cassel S. 243 f. 
9 Cassel S. 151. 
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