Full text: Kreis Cassel-Stadt : Text, Teil 2 (6)

leistete. Durch Verordnungen vom 10. Dezember 1781 und vom 4. März 1782 mußten Vorkehrungen getroffen 
werden, um den Mißbrauch beider Anstalten zu verhüten. Das Drehrad der Findelanstalt wurde weggenommen. 
Nur am Tage durften Kinder, welche dem Verwalter mit den nötigen Nachweisen überbracht wurden, angenommen 
werden. Bei der Accouchieranstalt verlangte man einen strengen Ausweis der Armut} Während der 24 Jahre 
seines Bestehens hat das Findelhaus 921 Kinder aufgenommen, von denen 570 schon im ersten Lebensiahre gestorben 
sein sollen. Von 20 Säuglingen blieb überhaupt durchschnittlich nur einer am Leben, was begreiflich ist wenn 
man bedenkt, daß durchschnittlich 30 Wiegen in einem Saale standen? Wegen dieses Fehlschlages und wegen 
der infolge der verschärften Aufnahmebedingungen verminderten Inanspruchnahme der Einrichtung löste man 1787 
die Anstalt auf. Das Gebäude wurde vom Waisenhause in Benutzung genommen. ln den Akten und auf den 
Stadtplänen erscheint es in der Folgezeit als Freischule. Die Entbindungsanstalt verlegte man nach Marburg, 
wo sie mit der Universität vereinigt wurde und 1798 in der Landhebammenanstalt eine erweiterte Form erhielt. 
Eine neue Entbindungsanstalt in Cassel enstand 1803. Nach der Franzosenzeit fand sie ihr Unterkommen in 
der Stadtkaserne, die auch die vereinigten Armen- und Werkhausanstalten aufnahmß Heute dient das ehe- 
malige Findelhaus, das die Nummer 22 der Bettenhäuser Straße und das sogenannte Hinterhaus des Waisenhauses 
bildet, zur Aufnahme eines Teiles der Knabenabteilung dieser Anstalt. 
Das Gebäude stellt sich als geschlossener dreigeschossiger Baukörper mit rechteckigem Grundriß dar. 
Es schließt sich dem Waisenhause so an, daß zwischen beiden Häusern eine kleine Lücke, ein sogenannter Winkel, 
verbleibt. Für den völligen Zusammenhang der Gebäude sorgt ein schmaler, flurartiger, durch alle drei Geschosse 
reichender Verbindungsbau, der den Winkel auf eine kurze Strecke unterbricht. Die nach der Bettenhäuser 
Straße gerichtete I-lauptfront des ehemaligen Findelhauses umfaßt neun, die Nebenfront an der Sternstraße drei 
Fensterachsen. Über dem Erdgeschoß zieht sich ein Gurtgesims hin. Die Ecken des Hauses sind durch breite 
Quaderlisenen gefaßt. Gleiche Werksteinstreifen begleiten das kaum merklich vortretende Risalit der fünf mitt- 
leren Achsen der Hauptfront, das sich als Drempel über dem Hauptgesims fortsetzt und mit einem Dreieckgiebel 
abgeschlossen ist. Die hohen Rechteckfenster tragen glatte Gewände, die gegen den Putz der Fronten etwas vor- 
stehen. Der rundbogige, mit einem schlichten Schlußstein versehene Eingang in der Mittelachse der Hauptfront, 
der die Größe einer Einfahrt besitzt, zeigt den nachträglichen Einsatz einer kleineren Rechtecktür. Das abge- 
walmte Satteldach ist mit Biberschwänzen gedeckt. Trotz des Fehlens eigentlicher Zierformen verleugnet das 
in guten Verhältnissen gehaltene, gediegene Gebäude nicht seine öffentliche Bestimmung. Der Grundriß weist 
keine Besonderheiten auf. An einen Mittelflur schließen sich einfache Räume an, die zum Teil die Größe von 
Sälen zeigen. Die breite zweiläufige Treppe ist auf der Hofseite angeordnet. 
Werkhaus. 
Bemühungen, die Gassenbettelei zu beseitigen, lassen sich in Cassel des Öfteren feststellen. Wenn sie 
fehlschlugen, so lag das meist daran, daß die Mittel fehlten, dem Übel durchgreifend zu steuern. Ein neuer 
Versuch _im letzten Viertel des 18. Jahrhunderts bestand in der Stiftung einer besonderen Anstalt, die arbeits- 
fähige Bettler jeglichen Alters aufnehmen sollte, um sie vor dem Nichtstun zu bewahren und sie zu geregelter 
Tätigkeit anzuhalten. Fln einer von der I-lessen-Casselischen Gesellschaft des Ackerbaues und der Künste im 
Jahre 1783 preisgekrönten Abhandlung schlug W. J. C. G. Casparson vor, die erforderlichen Gelder durch eine 
unter den Einwohnern zu veranstaltende Subskription aufzubringen, zu der sie nötigenfalls durch Abschätzung 
herangezogen werden könnten. 1785 kam das Unternehmen zustande.4' Die Anstalt, die neben dem Findel- 
hause lagf führte den Namen Werkhaus. Sie bestand zunächst, wie ein Bericht aus dem Jahre 17856 angibt, 
' Piderit, Cassel S. 284 f. 
2 Ullrich, Waisenhaus S. 66. 
3 Vgl. Abschnitt „Stadtkaserne" S. 499. 
4 l-less. Beiträge II S. 166 f. Piderit, Cassel S. 310. 
5 Krieger, Cassel S. 154. 
6 Journal von und für Deutschland 1785 II S. 316. Brunner, Armenwesen S. 25 ff.
	        
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