Full text: Kreis Cassel-Stadt : Text, Teil 2 (6)

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zahl etwa zwanzig betrug. Am 14. August 1779 trat Sömmering sein Amt an und weihte am Geburtstage 
Landgrafen in dessen Gegenwart das „ganz nach seiner Angabe neu eingerichtete anatomische Theater e 
Die in Cassel bestehende Menagerie setzte ihn in die Lage, anatomische Studien an gefallenen Tieren 
machen. Ein besonderes Ereignis war die Präparierung des 80 Zentner schweren, jetzt im Naturalienmusi 
aufgestellten Elefanten, für deren Bewältigung der Landgraf Leute aus dem Arsenal und Krähne zur Verfüg 
gestellt hatte. Die Sektion des Orangs gab Veranlassung zu einer Veröffentlichung im Göttinger Tascl 
kalender des Jahres 1781. Die anatomische Untersuchung der in Mulang angesiedelten, zum Teil aber ani 
zehrung gestorbenen Neger hatte die damals grundlegende kleine Schrift „Über die körperliche Verschieden 
des Mohren vom Europäer" zur Folge, die 1784 -in Mainz erschienß Zu den Besuchern der Anatomie zäh 
nicht nur die Mediziner, sondern auch die bildenden Künstler! Ihr berühmtester Gast war wohl Goethe, 
sich seit Anfang der achtziger Jahre mit Osteologie beschäftigte und 1788 den bedeutenden Casseler Anatoi 
aufsuchte, um „seine Gunst und Gefälligkeit zu benutzen und Studien an einem kleinen und großen 
gewachsenen Elephanten" und jedenfalls auch den in der Anatomie vorhandenen Schädeln anderer Tiere 
machen. Im Casseler Anatomischen Theater war es wohl auch, wo der Dichter und der Gelehrte ihre „Versu 
tändeleien" mit einem kleinen Luftballon anstelltenß 
Das jetzt fast ganz vergessene Haus muß seiner Zeit auch in der Bürgerschaft ein gewisses Anse 
genossen haben. Es war imstande, dem vor ihm liegenden Platz seinen Namen zu geben. Lange freilich 
sich diese Benennung nicht gehalten. Als 1782 eine amtliche Festlegung der Straßen- und Platznamen erfol 
wurde bestimmt, daß der Platz „Vor dem Theatro Anatomico" die Bezeichnung „Leipziger Platz" zu fül 
habe} die sich auf den Stadtplänen sogar schon früher feststellen Iäßtn" Seinen Standort hatte das Haus 
Scheitel des ovalen, noch wenig bebauten Platzes, dem Leipziger Tor gegenüber. Im Grundriß bildete es 
Rechteck von sehr bescheidener Größe mit einem mittleren Vorsprung auf der Vorder- und Hinterfront. 1 
Aufriß scheint ganz schlicht gewesen zu sein. Es hat nicht lange gestanden. Als das Collegium Carolii 
nach Marburg verlegt und mit der dortigen Universität verbunden wurde, siedelte auch die Anatomie d; 
über. 1787 wurde das Bauwerk, das wohl aus Fachwerk bestand und geputzt war, bis auf die Grundmai 
abgebrochen, nach Marburg überführt und dort wieder aufgestellt, wo es bis in die erste Hälfte des vor 
Jahrhunderts als Anatomie diente, dann aber endgültig verschwandß 
Um den Platz in Cassel bewarb sich sowohl ein Hutmacher Meyer, der das Grundstück käuflich 
werben wollte, als auch der Baumeister Engelhard, der indessen die Bedingung der kostenfreien Überlass 
stellte. Wenn Engelhards Gesuch trotzdem den Vorzug erhielt, so waren städtebauliche Erwägungen maßgeb: 
„Durch abbrechung des Anatomischen Theaters", so berichtete du Ry am 15. November 1787,' „ist eine lt 
in der umfassung des Leipziger Platzes entstanden, auch sind einige übel aussehende hinter häuser dadt 
aufgedeckt worden, diese und die übrigen schlechte Fagaden selbiger gegend können zwahr durch b: 
Pflanzungen mit der Zeit versteckt werden, das abgebrochene haus aber welches wegen seiner lage f 
Stadt thore gegen über einen guten prospekt machte, wird hingegen vermist. Nun hat zwahr ein nahe b: 
Leipziger Platz wohnender Bürger zu ankaufung des zum anatomie hause gehörigen raums lust bezeugt, selb 
will aber diesen raum nicht bebauen sondern als hof oder garten benutzen, Supplicant hingegen erbietet 
auf die fundamenter des Theaters ein neues Haus aufzuführen wenn ihme dieses Mauerwerk und der üb 
raum geschenkt würde. Ich wäre daher der unterthänigst ohnmasgebigen meinung daß Supplicantem bitte 
so ehender zu zustehen seyn dürfte, als durch erbauung dieses Hauses der Leipziger Platz verschont wer 
wird". Engelhards Wohnbau kam zustande. Das Haus erhielt später insofern wieder öffentlichen Charak 
als es lange Jahre die Justizämter Cassel I, II und III enthielt. Jetzt befindet sich das Haus, ein einfac 
verputzter Fachwerkbau, der die Nr. 9 des Unterneustädter Kirchplatzes bildet, in Privatbesitz. 
l Schelenz, Sömmering. - 2 Gerland, Du Ry S. 144 und 148. - ' Goethes Werke (Gödecke) XIV S. 140 und 154 ff. 
f Losch, Chroniken S. 162. - 5 Stadtplan v. Selig 1781. - ' Gerland, Du Ry S. 131 f., der als Jahr der Verlegung 1789 an 
Nach Henninger, Marburg S. 9, hat das Casseler Anatomiegebäude in Marburg da gestanden, wo 1842 die neue Anatomie, das her 
Zoologische Institut, gebaut wurde. - 7 Staatsarchiv Marburg. O. St. S. 7391. 

	        

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