Full text: Kreis Cassel-Stadt : Text, Teil 2 (6)

in der Weise nutzbar gemacht, daß von den beiden größeren Sälen des Hauptflügels der eine als Lesesaal, der 
andere als Vortragssaal eingerichtet und daß der Südostflügel für die Verwaltung, der Nordwestflügel für die 
Ausstellung von Handschriften sowie als Wohnung für den Kastellan in Anspruch genommen wurden. In den 
oberen Geschossen wurden diejenigen Räume, die bis dahin anderen Zwecken gedient hatten, auch zu Bücher- 
magazinen umgeschaffen, die zum Teil wissenschaftlichen Vereinen zur Verfügung gestellt wurden. Der große 
Büchersaal im Obergeschoß des Hauptflügels erfuhr in seiner Ausstattung dadurch eine Änderung, daß die längs 
der Fensterwand aufgestellten Bücherschränke der ehemaligen Wilhelmshöher Schloßbibliothek wieder entfernt 
und auf die übrigen Räume verteilt wurden. Ein Umbau erfolgte insofern, als für die Bücherausgabe, die ihren 
Platz im vorderen Teil des Treppenhauses erhielt, in der Rückwand der Eingangshalle eine größere Öffnung 
eingebrochen wurde, die ein Korbbogen überdeckte. Den mit dünnen Eisentraillen versehenen podestlosen Treppen- 
lauf schloß im Vordergrunde ein Holzverschlag ab. Nachträglich machte sich noch im Erdgeschoß des Rund- 
baues infolge der verstärkten Belastung durch Bücher der Ersatz der Steinsäulen durch Eisenbetonstützen nötig, 
die äußerlich die alte Form erhielten. Bei ihrer Fundierung stieß man auf einen Kasemattengang der nachmittel- 
alterlichen Festungswerke. Auch die Einfassung der äußeren Podeste vor den Nebentreppen rührt aus dieser 
Bauperiode her. Die Aufschrift „LANDES-BIBLIOTHEK" auf dem Türsturz des Haupteinganges zeigt äußerlich 
V die erweiterte und ausschließliche Bestimmung des Hauses als Bücherei an. Das in einer Nische des Benutzer- 
zimmers aufgestellte, 1904 aus dem Ständehausel überführte große Eberle'sche Gipsmodell vom Hanauer Denkmal 
der Gebrüder Grimm sowie die Gipsmodelle zweier Sockelreliefs dieses Denkmals halten die Erinnerung an die 
beiden großen Germanisten wach, die unter Völkel in der Zeit bis 1829 an der Bibliothek tätig waren. 
Die Modelle anderer Bildhauer zum Hanauer Grimmdenkmal sind im großen Büchersaal untergebracht, wo auch 
einige Modelle zum Philippsdenkmal für Cassel Aufstellung gefunden haben. Als Dekorationsstücke der anderen 
Säle finden sich Abgüsse bekannter Originale meist antiker Herkunft. Im Kartenzimmer fällt der früher als 
besondere Sehenswürdigkeit betrachtete, in Goldrahmen gefaßte, mit dem hessischen Wappen gekrönte, 3,85 m 
breite und 2,00 m hohe Stadtplan von London, ein Stich von John Pine aus dem Jahre 1761 nach einer Zeichnung 
von John Roque, auf, der als Geschenk König Georgs III. von England an Landgraf Friedrich II. von Hessen 
gilt und in seiner sorgfältigen Ausführung vielleicht die Anregung zu Seligs vorzüglichem Plan von Cassel aus 
dem Jahre 1781 gegeben hat. Die Wände des Direktorzimmers schmücken einige Ölgemälde, religiöse Dar- 
stellungen von Ludwig Emil Grimm und Innenbilder hessischer Kirchen von Karl Fink. Die geräumigen gewölbten 
Keller sind heute wie früher als Lagerräume vermietet. In welchem Jahre das Gitter auf der Abschlußmauer 
des Hofes, das bei Grandiean de Montigny noch nicht erscheint, aufgebracht wurde, ist nicht bekannt. Die 
wappenhaltenden Löwen, welche die Pfeiler des Mitteleingangs bekrönen, stammen vom alten Weißensteiner Tor? 
Ein im Hof aufgestellter großer Eisenzylinder trägt die Aufschrift „Papins Dampf-Cylinder gegossen zu Veckerhagen 
1699, geschenkt von Henschel u. Sohn Cassel 1869"? 
Reliefs in der Eingangshalle, ursprünglich im Alabastergemach des Landgrafenschlosses} dann im Stein- oder 
Skulpturenzimmer des Kunsthausesf von Elias Godefroy und Adam Beaumont. Rechtecktafeln, von 
frei gebildetem zierlichen Eierstab umrahmt, mit figurenreichen, an einander komponierten Szenen. 
Hochrelief mit zum Teil frei heraustretenden Einzelheiten. Alabaster mit Farbenspuren. Renaissance. 6 
1 Vgl. Abschnitt „Ständehaus" S. 459. 
2 Losch, Chroniken S. 132. Vgl. Abschnitt „Weißensteiner Tor" S. 129. 
3 Müller, Metallindustrie: „Von einer in England erbauten Dampfmaschine, welche Landgraf Karl im Jahre 1715 zum Betriebe 
eines Springbrunnens in Cassel aufstellen ließ und welche aktenmäßig noch 1762 an ihrem ursprünglichen Platze stand, ist der Dampf- 
cylinder noch vorhanden. Derselbe wird im Hofe des Museums zu Cassel aufbewahrt und beweist durch seine Dimensionen und Ausführung, 
daß der Eisengießereibetrieb schon zu Ende des 17. Jahrhunderts beachtenswerte Gußstücke zu liefern vermochte." 
4 Vgl. Abschnitt „LandgrafenschlofW S. 280. 
hä Vgl. Abschnitt „Kunsthaus" S. 536. 
6 Appel, Museum S. 16. Lotz, Kunst-Topographie l S. 139. Kunstblatt, herausgegeben unter Mitwirkung von Ernst Förster und 
Franz Kugler, XXVI S. 165 5.: „Das Kasseler Museum besitzt drei Reliefs, welche eine mündliche Überlieferung demselben Godefroy zu. 
schreibt, der . . . als einer der beiden Meister genannt wird, denen das in der St. Martinskirche von Landgraf Wilhelm IV. seinem Vater 
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