Full text: Kreis Cassel-Stadt : Text, Teil 2 (6)

Der Säulensaal des südöstlichen Nebenflügels wurde als Salon des Königs, der anstoßende Eckraum des Haupt- 
flügels als Salon de service eingerichtet. Noch heute trägt der Königssalon zum größten Teil die Dekorationen 
der Empirezeit. Seine reich bemalte, zeitweise übertünchte und vor einigen Jahren wieder aufgefrischte Decke 
zeigt im Mittelfelde das Wappen des Königreiches Westfalen in Kranzumrahmung und mit üppigen ornamentalen 
Endigungen, die das Monogramm J N krönt, und in den Seitenfeldern große quadratische Kassetten mit 
antikisierenden Blätterrosetten. Die Unterzüge dekoriert ein Fries von Mäandern und Palmetten. Palmen und 
Schwerter finden sich auf den Füllungen der Türen, deren Schlagleisten als Lanzen ausgebildet sind. Alle 
Dekorationen sind plastisch gemalt und bei grauer Grundfarbe entweder als Stuck oder Bronze behandelt. 
Auch die Wandpilaster und die Stuckverkleidung der Säulenschäfte, die übrigens auch der entsprechende Raum 
des Nordwestflügels zeigt, wird man dem französischen Architekten zuzuschreiben haben. Der Marmorkamin 
mit den vergoldeten Bronzeauflagen ist wie die Bilder des Königs und der Königin verschwunden. Wenn der 
König zur Eröffnung der Ständeversammlung das Haus besuchte, nahm er seinen Weg durch das Vestibül, die 
Antikengalerie und den Salon de service in sein eigenes Gemach, von dem er durch die Galerie des ministres 
in die Salle des Etats gelangte. lm westlichen Eckzimmer des Hauptflügels sorgte eine neue dreiläufige Treppe 
für die Zugänglichkeit des großen Büchersaales im Obergeschoß. Der Säulensaal des Nordwestflügels war zum 
Gebrauch der Stände bei den nicht öffentlichen Sitzungen und zu den Beratungen der Sektionen bestimmt. 1 
Auch diente er als Salon public, als Durchgangsraum für das Publikum, das im Übrigen, um zu den Sitzungen 
der Stände zu gelangen, den Nebeneingang auf der Hoffront dieses Flügels und die Galerie public zu benutzen 
hatte. Im zweiten größeren Sammlungsraum des Nordwestflügels findet sich auf der Grundrißzeichnung ein 
Raum mit halbkreisförmigen Sitzreihen abgeteilt, der vermutlich für Ausschußsitzungen bestimmt war. Bei 
der ehemaligen Hofwand der beiden großen Säle im Vorderflügel, die durch den Vorbau der Verbindungs- 
galerien dem Tageslichte entzogen wurde, fand durch Zusetzung eine Verwandlung der Fenster in Nischen statt. 
Ob in der Ministergalerie die beabsichtigte Aufhängung der Bilder der Minister wirklich erfolgte, ist nicht 
bekannt. Im Jahre 1812 war in ihr noch ein Bild aufgestellt, das der Verherrlichung Jerömes diente. ' Der 
Hof erfuhr insofern eine Änderung als er am Ende der beiden Nebenflügel eine Abschlußmauer erhielt um 
das Gefälle des Geländes auszugleichen. Gleichzeitig wurden die äußeren Treppenaufgänge der Seitenflügel 
mit Terrassen versehen, unter denen die neuen Zugänge zu den Kellern ihren Platz fanden. 
Zwei Jahre dauerten die Bauarbeiten. Während dieser Zeit ist viel durch mangelhafte Aufsicht und 
eigenmächtiges Auftreten der Bauleiter gesündigt worden. Maßlos hatten die Kunstsammlungen zu leiden und 
auch die Bibliothek hatte große Verluste zu verzeichnen. lm großen Saal bearbeiteten die Maurer die Steine 
zum Neubau. Die französischen Baumeister entliehen zahlreiche wertvolle Werke, die nie zurückgegeben sind. 
Nach Mitteilungen Völkels und von Löwensteins soll der Ständesaal, der dem Lande so viel gekostet, dem Architekten 
so viel eingebracht und das ganze Museum umgedreht hat, nur zweimal benutzt sein, einmal zur Versammlung 
der Reichsstände 1810 und dann zur Huldigung der Deputierten von den hannöverschen zu Westfalen geschlagenen 
Provinzen. Andere Darstellungens geben 12 Sitzungen an. 1811 diente der Saal und eine Galerie nebst 
Nebenzimmern zur Aufbewahrung der aus dem abgebrannten Landgrafenschlosse geretteten Mobilien. Das 
Pretiosenzimmer wurde zur Sitzung des Staatsrates eingerichtet. 1812 gab die angebliche Russengefahr den 
 
1 Westfalen 1810 S. 19. 
2 Westfalen 1810: „Einstweilen war darin ein Gemälde von Vincent in Paris aufgestellt, das eine große That aus dem Leben des 
Königs verewigte. Es stellt nämlich dar, wie derselbe von dem erhabenen Bruder Napoleon mit einer Eskadre nach der Barbarei gesandt, 
um den Genuesen, die Franzosen geworden waren, die Sklavenketten zu lösen, nach glücklich vollbrachtem Unternehmen nach Genua zurück- 
segelt. lm Hintergrund sieht man die Thürme von Genua und einen Theil des Hafens. An den Gestaden hat sich eine große Volksmenge 
versammelt, mit Sehnsucht die Ankunft der Schiffe, die mit den aus der Sklaverei befreiten Genuesern an Bord herangesegelt kommen, 
erwartend und vor Begierde brennend, die lange vermißten Brüder zu umarmen. Im Vordergrund ist ein Sklave in der Tracht des Morgen- 
landes abgebildet, seine Ketten nun mit Füßen tretend und dankbar sein Haupt zum Himmel emporhebend. Vor ihm steht ein kleiner Hund, 
als Symbol der Treue, und ein nacktes Kind mit einer Engelsphysiognomie, als Sinnbild der Freude, auf einem Bande die Worte tragend: 
Riconoscenza al Jerolamo Bonaparte". 
' Westfalen 1810 S. 11T. 
Tafel 340,1 
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