Full text: Kreis Cassel-Stadt : Text, Teil 2 (6)

wurden die Bauarbeiten im Jahre 1696. Worin sie im Einzelnen bestanden, scheint aktenmäßig nicht überliefert 
zu sein. Der Architekt des Baues war Paul du Ry.1 Durch Überführung der bis dahin im Marstall unter- 
gebrachten Sammlungen der fürstlichen KunstkammeN erhielt das Gebäude im Jahre seiner Vollendung auch 
seine neue Bestimmung. Nachträgliche lnnenarbeiten lassen sich noch 1698 feststellen. In diesem Jahre wurde 
Joh. Oswald Harmes aus Hamburg nach Cassel berufen, um die Wandmalerei im Kunsthause auszuführen." 
Geschichtlich interessiert, daß am 2. November 1709 im Kunsthause die feierliche Einweihung des von Landgraf 
Karl gegründeten Collegium Carolinum, jener auch Athenaeum oder Gymnasium illustre bezeichneten Anstalt, 
stattfand, die als Vorbildungsanstalt für die Universität gedacht warf 
Eine Beschreibung des Innern gibt Uifenbachf der 1709 das Kunsthaus besuchte und über die Sammlungen 
ausführlich berichtet. Er erwähnt als ersten Raum die Anatomiekammer. „Selbige ist ein nicht gar grosses 
Zimmer, fast ganz in der Höhe. Es ist darinnen zwar noch wenig, aber es sind sehr zierlich auf verguldeten, 
und von Bildhauer-Arbeit gemachten Gestellen und Gesimsen aufgesetzte Stücke," die meist in menschlichen 
und tierischen Abnormitäten bestanden. In vier „Cabineten" d. h. Schränken befanden sich Präparate, Instrumente, 
Insekten und Konchilien. In einem kleinen Zimmer, das „ein paar Treppen herunter" lag, standen Luftpumpen 
und „ein von lhro Durchlaucht erfundenes merkwürdiges Instrument, das ein perpetuum mobile abgeben sollte, 
das vom Wasser getrieben, und zugleich mit Eimern schöpfen sollte." Die Erwähnung eines Hörsaales, in dem 
Erd- und Himmelsgloben angetroffen wurden, lehrt, daß im Museum auch Vorlesungen gehalten wurden. „Ganz 
oben" befand sich die „Altan, so anjetzo noch zum Observatorio dienet. Es ist so hoch hinauf, daß man es 
unten nicht meinen sollte; von daher können auch alle Häuser und die ganze Stadt übersehen werden. Sie 
ist aber etwas klein, und hat ein rundes mit Gläsern versehenes Thürngen: In diesem war eine besondere 
Erfindung, die Gewalt des Windes zu zeigen, welche lhro Durchlaucht der Herr Landgraf selbst erdacht." 
Außen auf der Altane stand „ein kleiner steinerner schlechter Cubus oder Sonnen-Uhr." Zwei Treppen tiefer 
lag die Mineralienkammer, ein „viereckiges nicht gar großes Zimmer, darinnen aber ein schöner Vorrat von 
Erzen." „Ehe man in diese Kammer kommt, geht man durch ein langes Zimmer, darinnen stand auf einem 
allgemach in die Höhe gehenden Gerüste die Helfte des unvergleichlich und sehr künstlich von dem Modellisten, 
Herrn Wachter, aus Holz verfertigten Modell des Weißensteins, oder vielmehr des Wasserwerks auf dem Winter- 
Kasten. Es ist dasselbe sehr wohl, und pünktlich nach dem verjüngten Maßstab gemacht, daran man gar deutlich 
und mit Erstaunen sehen kan, wie dieses große Werk, wann es zu seiner Vollkommenheit gelanget, sich 
präsentieren werde. Es stehet, wie gedacht, nur die Helfte in diesem Zimmer, weil der Raum zu kurz: das 
übrige aber von der Mitte bis herunter ist in einem Gemach darneben. In dem vorigen aber lag in einer Ecke 
noch ein klein Modell auf der Erde von einem Schleußen-Werk, womit der Herr Landgraf die Absicht hat, 
auf die Höhe des Berges mit Schiffen zu fahren. Auf der andern Seite waren noch etlich kleinere Kammern 
mit allerhand Modellen, als z. E. wie das Haus in Freyenhagen, nebst einem unvergleichlichen Garten soll gebauet 
werden. Auf einem besondern Tische daneben stund das Modell von der Grotte, so vor dem Garten kommen 
soll. Ferner war allda ein Entwurf, wie die Stadt Sieburg, sechs Meilen von hier, bei Münden an der Weser, 
gar regulär und wohl gebauet werden soll, davon bereits ein guter Anfang gemacht worden. Hinter diesem 
waren noch zwey kleine Zimmer, mit allerhand Modellen." Augenscheinlich handelt es sich um die Sammlung, 
die später im Modellhaus untergebracht war." Das „Beste und Vollkommenste von allem in dem gantzen Kunst- 
Haus" traf Uffenbach „zwo Treppen herunter in einem Zimmer rechter Hand hinten hinaus." Es war ein 
„unbeschreiblich großer und vortrefflicher Vorrath von allerhand der neuesten, kostbarsten und herrlichsten 
Instrumenten zur Geometrie, Astronomie, Civil- und Kriegs-Baukunst, ja zu allen Theilen der gantzen Mathematik," 
1 Gerland, Du Ry S. 15 f., der irrtümlich auch die Architektur des Ottoneums du Ry zuschreibt. 
' Vgl. Abschnitt „Landgrafenschloss. Marstall" S. 304. 
' Rommel, Gesch. v. Hessen X S. 140. 
4 Hartwig, Coll. Carolinum S. 76 f. 
5 Reisen I S. 12 IT. 
' Vgl. Abschnitt „Modellhaus" S. 542 ff. 
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