Full text: Kreis Cassel-Stadt : Text, Teil 2 (6)

Anfrage du Rys, ob die Mauern des alten Hauses, welche doch gerissen und nicht fest seien, abgebrochen 
werden sollten und 0b in diesem Falle die Seitenmauern nach dem Schlosse zu bis auf die Mauer des Bären- 
grabens gerückt werden dürften, ob eine Verschiebung der Giebelmauer nach dem Paradeplatz zu gestattet sei 
und ob an einen Abbruch und Neubau des kleinen Nebenhauses gedacht werden könne. Auch erbat er 
Entscheidung, ob deutsches oder Mansardendach zu wählen sei. Am 6. September 1771 wurde ihm aufgegeben, 
einen doppelten Abriß und Überschlag einzureichen, wie sowohl das Ballhaus, wenn die vier Mauern stehen 
blieben, zu reparieren und mit einem ordentlichen Dach und etlichen Frontons zu versehen, als auch wie 
dasselbe in der Weite und Länge zu vergrößern sei} Wenn auch der Gedanke, den Bauplatz auszudehnen, 
sich nicht verwirklichte, so kam es doch zu einer günstigeren Ausnutzung der verfügbaren Bodenfläche. Die 
wesentlichste Änderung freilich war der Ersatz der massiven Umfassungsmauern durch Fachwerkwände, die 
gänzliche Veränderung von Fronten und Dach sowie die völlige Erneuerung des Innern. 
Grundriß und Aufriß dieses „Komödienhauses" sind aus Handzeichnung_en' bekannt. Zuschauerraum 
und Haupteingang waren nach der Rennbahn, die Bühne nach dem Steinweg angeordnet. Zwei Nebentüren 
auf der Rennbahnseite und drei Eingänge auf der Längsfront ermöglichten eine schnelle Entleerung des Hauses. 
Wohl um Raum für das „Parquet" und das „Parterre" zu gewinnen, hatte man auf ein herrschaftliches Foyer 
verzichtet. Die spärlichen Nebenräume blieben auf ein „Chauffoir" und eine „Loge" hinter der Bühne 
beschränkt. Eine Neuerung bedeuteten die Proszeniumslogen. Im Übrigen aber blieb dieses Komödienhaus 
weit hinter der Durchbildung des alten Theaters zurück. Dem entsprach auch der trockene äußere Aufbau, 
der nirgendswo die Mittel fand, die Bedeutung des Hauses zu offenbaren. Selbst ob die auf den Handzeichnungen 
eingetragene nüchterne lnschrifttafel im Mittelteil der Längsfront und die dürftige Wappenfüllung des Giebel- 
feldes zur Ausführung kam, muß fraglich erscheinen, da die Zierraten auf den späteren Abbildungen fehlen. 
Diese Längsfront war in neun Achsen gleichmäßig mit einfach umrahmten Rechteckfenstern aufgeteilt, von denen 
die drei mittleren Achsen zu einem schwach vertretenden, das Hauptgesims überragenden Mittelrisalit zusammen- 
gefaßt waren. Ecklisenen fingen die Wucht des allseitig abgewalmten Mansarddaches auf, dessen Firstlinie 
auch über die Aufbauten der Schmalseiten hinweggriff. Von den drei Geschossen des Hauses war das oberste 
dadurch untergeordnet behandelt, daß die Fenster in Höhe und Breite eingeschränkt waren. Die untere Dach- 
fläche besetzten einfache Gauben. Im Wesentlichen unterschied sich die Längsfront, die Hauptschauseite, in 
nichts vom Schema der größeren Wohngebäude der Oberneustadt. Reicher war die Schmalfront nach der 
Rennbahn ausgefallen, deren Flächen durch Pilaster aufgeteilt und deren rundbogige Fenster und Türen durch 
eine ansehnlichere architektonische Umrahmung eingefaßt wurden. Indessen scheint dieser Reichtum weniger 
auf die Absicht zurückzuführen zu sein, den öffentlichen Charakter des Hauses hervorzuheben, als auf die Not- 
wendigkeit, den Bau auf die Palastarchitektur der anschließenden Häuserfront an der Rennbahn 3 abzustimmen, 
deren vorgelegte Erdgeschoßarkaden auch über die Schmalfront des Komödienhauses hinwegliefen und hier einen 
willkommenen Vorbau für den Haupteingang abgaben. 
Aus der weiteren Geschichte des Hauses ist wenig bekannt. Die Ausnutzung des Grundstückes aus- 
schließlich für Zuschauerraum und Bühne und der dadurch hervorgerufene Mangel an Ankleideräumen für die 
Komödianten wurden die Veranlassung zum Plan einer Erweiterung. lm Jahre 1780 schlug eine Kommission 
vor, zwecks Schaffung von Künstlergarderoben das Nachbarhaus, das einem Schuhmacher gehörte, zu kaufen 
oder zu mieten und durch eine Tür mit dem Theater zu verbinden} Was man aber auch für die Verbesserung 
des Hauses tat, es wurde kein modernes, ausreichendes Theater. „Ich wundere mich", schreibt 1785 ein 
Reisenderä „da das Schauspielhaus ein neues Gebäude ist, daß es so klein ist, und mit den übrigen vom Herrn 
1 Staatsarchiv Marburg M. St. S. 7283. 
' Handzeichnungen v. A. Bach. Landesbibliothek Cassel. Vgl. auch Lageplan des Schlosses von de Wailly 1782 und Abschnitt 
„Landgrafenschloß. Rennbahn" S. 313. 
' Vgl. s. 311. 
4 Staatsarchiv Marburg M. St. S. 7283. 
5 S., Reise nach Leipzig S. 69 f. Vgl. auch Günderode, Briefe S. 193. 
Tafel 334 
Tafel 189 
Tafel 191 l 
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