Full text: Kreis Cassel-Stadt : Text, Teil 1 (6)

 
stein, das nach ihm den Namen Wilhelmshöhe annahm, und die Bereicherung des in englischem Geschmack 
umgewandelten Parkes durch die Löwenburg und mehrere naturalistische Wasserfälle. ln Kirchditmold entstand 
unter ihm die neue Kirche. Auch die Unterneustadt erhielt an neuer Stelle ein zeitgemäßes Gotteshaus als 
Ersatz für die gotische Magdalenenkirche, die fallen mußte, weil sie dem Neubau der Fuldabrücke im Wege 
stand. Das alte, am Ende des neuen Flußüberganges gelegene Jägerhaus verwandelte sich in ein Kastell. Für 
die Kinder unbemittelter Eltern errichtete der Fürst in den „Hallen" am Königsplatz 1791 sechs Freischulen 
und für die Soldatenkinder 1803 eine Garnisonschule. An das Hauptereignis seines Lebens, an die 1803 er- 
folgte Erlangung der ersehnten Kurwürde, sollte ein Triumphbogen erinnern, der die Wilhelmshöher Allee am 
Ausgang der Stadt abschloß. Wenn von diesem bedeutenden Ehrenmale infolge der politischen Wirren auch 
nur die beiden Torhäuser fertig wurden, so konnte die Residenz vom 15. bis zum 17. Mai in aufrichtiger Teil- 
nahme am Glück des Fürstenhauses das glänzende Fest feiern, das der Landesvater, nunmehr Wilhelm l., ganz 
seiner romantischen Neigung entsprechend in stark mittelalterlicher Aufmachung gab. 
Trotz des Willens, neutral zu bleiben, wurde der Kurfürst in den Krieg Napoleons gegen Preussen 
hineingezogen. Nach der Schlacht bei Jena und Auerstädt besetzten 6000 Mann französischer Truppen unter 
Mortier Cassel, das der Landesherr verlassen hatte und sieben Jahre nicht wiedersehen sollte.' 20000 Mann 
Holländer, die unter Napoleons Bruder Ludwig von Norden her sich näherten, lagerten vor dem Müllertore. 
lhr Eindringen unterblieb nur deshalb, weil der fremden Truppen genug in der Stadt waren. General Lagrange' 
nahm als Generalgouverneur des Kurfürstentums im Schlosse Wohnung, das die Bezeichnung „Palais du Gouver- 
nement" erhielt. Der Beschlagnahme der öffentlichen Kassen folgte die Entwaffnung des hessischen Heeres. 
Die Kriegssteuer wurde auf sechs Millionen Franken festgelegt. Mit dem Inhalte der Zeughäuser wanderte die 
Einrichtung der Schlösser nach Mainz. lm Frieden von Tilsit wurde das Kurfürstentum Hessen aufgehoben und 
das Königreich Westfalen mit der Hauptstadt Cassel geschaffen. Am 7. Dezember 1807 zog der neue König, 
Napoleons jüngster Bruder Jeröme, mit seiner Gemahlin Katharine von Württemberg in Wilhelmshöhe, von nun 
an Napoleonshöhe, ein. Drei Tage später erfolgte unter den Huldigungen der Behörden und der Bevölkerung 
der prunkvolle Einzug in die geschmückte Stadt! Die ersten Regierungsäußerungen des 23iährigen Herrschers, 
eine Proklamation an das Volk und eine im Orangerieschlosse gehaltene Ansprache an die Stände, wurden warm 
aufgenommen. Allein der Begeisterung folgte die Ernüchterung. Die Verschwendungssucht des Hofes und die 
dadurch hervorgerufene Schuldenwirtschaft, die Leichtlebigkeit des Königs, die Mißachtung landesüblicher Ge- 
wohnheiten und unnötige Zerstöruug alter Erinnerungen machten die neue Regierung bei allen, denen der 
Byzantinismus kein Geschäft bedeutete, bald mißliebig. Rücksichtslos, wie man die Wappen und Namenszüge 
der früheren Landesherren beseitigtef, entfernte man die Marmorstatue Landgraf Friedrichs ll. auf dem Friedrichsplatz. 
Dafür erhob sich später auf dem Königsplatz das Standbild des Kaisers. Seine eigene Büste ließ Jeröme im 
Rathaus der Oberneustadt aufstellen, kurz nachdem seine Mutter Lätitia die Stadt besucht und wertvolle Gemmen 
aus dem Museum zum Andenken mitgenommen hatte. Das alte Landgrafenschloss erfuhr eine gründliche Um- 
gestaltung nach des Königs Geschmack. Die Zerstörung der Kolonnaden besorgten französische Gardisten. 
Das Modellhaus, dessen unersetzliche Stücke der Vernichtung anheimfielen, wurde in eine Kaserne verwandelt. 
Das Museum verlor seine wertvollsten Schätze! 48 Gemälde der Galerie hatte Lagrange nach Mainz geschickt, 
von wo sie nach Paris kamen. 1807 suchte Napoleons bekannter „Requisitor", der Pariser Museumsdirektor 
Denon von den noch vorhandenen 678 Bildern 299 für das Musee Napoleon aus. Übel vermerkt wurde der 
Ersatz der deutschen Schauspieler durch französische und das Eindringen der fremden Sprache in den amtlichen 
Geschäftsverkehr. Wo Besseßngen eingeführt wurden, geschah es mit Übereilung und ohne Anschluss an die 
bestehenden VerhältnisseFNichts kennzeichnet die Mißstimmung mehr, als der mitten in die Französisierung 
l Stchwmkopf. Alt-Kassel, S. 26 f. 
' Bmnner, Lagrange. 
' Brunner, Jerörne. 
f Woringer, Hoheitszeichen. 
' Kleinschmidt, Westfalen.
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.