Full text: Kreis Cassel-Stadt : Text, Teil 1 (6)

 
Geschichtliche Einleitung. 
 
oblag, wurde 1766 ins Leben gerufen. Die Einführung des Lottos, dessen Leitung 1771 der italienische Graf 
Bollo übernahm, erwies sich dagegen als so wenig angebracht, daß das Spiel nach Friedrichs Tod wieder ein- 
ging, llielrgraqrdnugng, das Weide- und Kleinvieh von den Straßen zu bringen, erregte den. Widerspruch der 
Lwirollends in demuhMaße, daßw manuauf ihre Durchführung verzichtete. Auch die iniden Jahren 
1775, 1781 und "178äTTorgenommene Neubenennung der Platze und Straßen erfreute sich keines rechten 
Beifalles, da sie nicht in allen Punkten eine "Hebung des Verkehrs bedeutete. Wenig Anklang auch fand das 
Kaffeeverbot und die Kleiderordnung. Großen Segen dagegen brachten die Wohltatigkeitsanstalten, besonders 
das Accouchir- und Findelhaus, sowie die Charite, als deren Ersatzbau jetzt das landlrrankenhaus dient. Volks- 
wirtschaftlich von hoher Bedeutung wurde 1767 die Gründung der noch heute bestehendenuhae-ssischen Brand- 
versicherungskasse. Von Friedrichs Versuchen, die Kolonialbestrebungen seines Ahnherm Karliim Kleinen auf- 
-...__...__ 
zunehmen, zeugt die 1778 ins Leben gerufene Kolonie Philippinenhof, die ihren Namen von Friedrichs zweiter 
Gemahlin Philippine von- Brandenburg-Schwedt führt. i 
Eindrücke, die der Landgraf bei seinem Aufenthalte in anderen Staaten und besonders auf seiner 1776 
und 1777 unternommenen Reise nach Italien empfangen hatte, veranlaßten ihn zur Gründung wissenschaftlicher 
und gemeinnütziger Vereinigungen und Einrichtungen. Neben der Gesellschaft der Altertümer' entstand die 
Gesellschaft des. Ackerbaues und der Künste. Das neugegründete Museum diente der Aufnahme der aus Italien 
mitgebrachten Kunstschätze und der aus dem Oberstock des Marstalls überführten Bibliothek. Der gelehrten 
Schule schenkte der Fürst im Lyceum Fridericianum ein neues Gebäude. Eine Erweiterung und Neueinrichtung 
erfuhr das Collegium Carolinum, zu dessen ausgezeichneten Lehrern Johannes von Müller und Georg Forster 
zahlten. Für die bildenden Künste wurde 1_'7_71_di.ß_,M2l3_r-_ und Bildhauerakademie ins_ Leben gerufen, mit der 
die Namen Tjgchbein, Nahl, du Ry, Böttner, Heyd, Kobold, Weiseuund manche andere verbunden sind. Eine 
Ecole militaire wurde 1778,11einmLehrerseminar 1783 begründet. Unter den Gelehrten, die im 18. Jahrhundert 
sich mit der wissenschaftlichen Geschichtsschreibung des Landes befaßten, müssen die beiden Schmincke, Joh. 
Phil. Kuchenbecker, Lennep und Strieder genannt werden.' 
Friedrich starb am 31. Oktober 1785 zu Weißenstein. In aller Stille wurde der prachtliebende Fürst, 
dem man bei Lebzeiten das verdiente Denkmal auf dem Friedrichsplatz gesetzt hatte, in der Gruft der von 
ihm erbauten Elisabethkirche beigesetzt. Mit ihm schwand für die nächste Zeit der Glanz des hofischen Lebens 
aus Cassel. Der einfache und sparsame Sohn und Nachfolger Wilhelm IX. war kein Freund der Feste, in- 
sonderheit nicht des fröhlichen Treibens nach französischem und italienischem Muster. Das Ballet und die kost- 
spielige Oper gingen ein. Die Hofkapelle wurde eingeschränkt und nur aus deutschen Musikern zusammen- 
gesetzt. Die Menagerie in der Aue wurde verkauft. Da die fürstlichen Ehegatten getrennt wohnten - der 
Landgraf im Palais Bellevue, die Landgräfin im Palais Philippsthal - so konnte von einem eigentlichen Hof- 
leben kaum die Rede sein. Neuerungen waren dem mit starkem Herrscherbewußtsein begabten Fürsten vollends 
zuwider. ln der Furcht vor einem Übergreifen der französischen Revolution. deren Entwicklung er aufmerksam 
verfolgte, übte Wilhelm eine argwöhnische Bevormundung des öffentlichen Lebens aus und hielt es sogar für 
angebracht, unter den Gelehrten Deutschlands ein Preisausschreiben über den wahren Geist iener Freiheitsbe- 
wegung zu veranstalten. ln einem merkwürdigen Gegensatz zu seiner Sparsamkeit stand seine Baulust, die 
nicht nur seinem altfürstlichen Gefühl entsprach, sondern auch der Absicht entsprang, den arbeitenden Klassen 
Beschäftigung zu geben. Das volle Interesse des Landgrafen beanspruchte der Neubau des Schlosses auf Weißen- 
._____.____..___i 
' Die Neubenennung erfolgte in drei Abständen. Die erste Änderung wurde verfügt durch ein „Avertissement die Benennung der 
Straßen in der Rgsidenzstadt Cassel betr. d. d. 20. Dec. 1775." Nach sechs Jahren wurde die Verfügung erneuert durch ein fast gleich- 
lautendes „Verzeichnis der neuen Namen der Straßen in Cassel vorn 27. Oct. 1781", das schon wenige Monate später durch ein neues, 
weitergehendes polizeiliches „Avertissement die hinltüniftige Benennung der offenen Plätze, Straßen und Thore der hiesigen Resident: betr. 
d. d. 14. Juni 1782" ersetzt wurde. 1867 ist die Neubenennung wieder aufgehoben worden. Casselische Policey- und Commercien-Zeitung 
1775, St. 52, S. 834i, 1776, St. 1, S. 12, St. 2, S. 25f. und St. 8. S. 41 f. und 1782 St. 29, S. 575 f. Engelhard, Erdbeschreibung I, S. 88 f. 
Piderit, Cassel, S. 293. Vilmar, Chronik, S. 132. Hessenland ll, S. 377. Losch, Chronilren. S. 142 u. 158 f. Schwarzlropf, Alt-Cassel. S. 182 f. 
' Bemhardi, Gesellsch. d. Alterthümer. 4 l 
' Eingehende Mitteilungen über das geistige Leben unter Friedrich ll. bei Brunner, Cassel. S. 292i. 
 
 
BI-nd Kunndnkmller in Rqicnpbairk Cmel. VI. Gaul-Stadt. 
17
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.