Full text: Kreis Cassel-Stadt : Text, Teil 1 (6)

daß die Festungswerke uneinnehmbar seien, und zog ab. Aber die Sorgen und Schrecken waren deswegen in 
der Stadt nicht geringer gewesen. Zur Teuerung hatte sich die Pest gesellt. Die Umgebung war durch die 
Kaiserlichen verwüstet. Die Leipziger Vorstadt am Siechenhof hatte ein Brand zerstört. Ein besonderer 
Schmerz traf, als der Gegner abgerückt war, den Landgrafen. ln der Schlacht bei Lutter am Barenberge 
verlor er seinen Lieblingssohn Philipp. Vergrößert wurden die Leiden des Krieges durch den unseligen Streit 
der beiden verwandten Fürstenhäuser von Cassel und Darmstadt um den Besitz von Marburg, das schließlich 
dem Hause Darmstadt zugesprochen wurde. Der Regierung müde, dankte Moritz 1627 zu Gunsten seines 
Sohnes Wilhelm ab, nicht ohneiseiner Nachkommenschaft aus zweiter Ehe ein Viertel der ohnehin schon sehr 
geschmälerten Landeseinkünfte zugesichert und damit dem Lande einen schweren Schlag versetzt zu haben. 
Den Rest seines Lebens verbrachte der verbitterte Mann in Melsungen und Eschwege, mit merkwürdigen Bau- 
plänen die Zeit ausfüllend, während seine Gemahlin Juliane den Obersten Hof in Cassel als Sitz wählte. 
Auch Wilhelms V. Regierung stand im Zeichen des langen Krieges, dessen Ende der 1637 fern der 
Heimat verscheidende Regent gar nicht erlebte. Seine Beharrlichkeit im Kampfe für die evangelische Sache 
trug dem Landgrafen, dem ersten und einzigen unter den deutschen Fürsten, der im Lager zu Werben mit 
Gustav Adolf ein Bündnis schloß, den Beinamen des Standhaften ein. Unter ihm erfolgte durch Theophilus 
Neuberger und Johannes Crocius der Ausbau der niederhessischen Kirche in völlig calvinistischem Geiste. 
Militärisch wurde Cassel der Sammelplatz des hessischen Heeres, das Wilhelm in den weiteren Kämpfen zum 
Sieg führte. Für den minderjährigen Sohn des mit 35 Jahren Verstorbenen übernahm die Witwe, die treff- 
liche Amelie Elisabeth, bis zum Jahre 1650 die Regentschaft. Der Friede kehrte wieder nicht nur mit dem 
Kaiser, sondern auch mit Hessen-Darmstadt. Aber vorher hatte die Stadt noch schwere ahre durchzumachen. 
1637 wütete die Pest in der überfüllten Festung, 1643 riß das Hochwasser Häuser und Wall ein und 1647 
brannte Melander Bettenhausen nieder. Kontributionen und indirekte Steuern drückten. Der Wucher der Juden 
nahm überhand. Durch die vielseitigen Ausgaben waren die Mittel der Bürgerschaft so erschöpft, daß sie nicht 
zum Unterhalt der öffentlichen Bauwerke ausreichten. ln einer Eingabe vom Jahre 16-14 an die Landgräfml 
führten Bürgermeister und Rat der Stadt aus, daß „unter andern täglich continuirenden und fast wachsenden 
Beschwerden nunmehr auch das Bauwesen in gar mangelhaften Zustand gerätet, in deme nämlich etzliche kost- 
bare Stadtgebäu also schadhaft werden, dass sie mit geringen Mitteln nicht zu repariren, sondern starken Verlag 
erfordern, insonderheit will das Dach uPf der Freiheiter Kirchen mit Flickwerk nicht zu ergänzen, sondern 
grossenteils ganz uffgehoben und ernewert sein. Desgleichen dann auch um Reparation an den Pfarrhäusern 
uffm Platz und sonsten vielfaltige Erinnerung geschiehet. ltem hat der mittelste Pfeiler an der Fuldabrücken 
auch großen Mangel bekommen, welcher zwar viel Kosten erfordert, aber doch, wenn er nicht bei Zeiten 
wieder gebauet wird, endlich bei einer starken Eisflut noch viel ärger und kostbarer werden dürfte. Zudeme 
liegen die überall baufällige Steinwege vor der Stadt männiglich vor Augen, und ist das darüber vorgehende 
Klagen notorium, wie dann auch die Brücken über die Stadtgraben täglich schlimmer und gefährlicher werden, 
itzovieles andern, so ebenmäßig ordinarie immerhin herzufället, zu geschweigen. Heriegen aber gemeiner Stadt 
Vermögen von Tag zu Tage also abnimpt und alle dero lntraden wegen der beschwerlichen bösen Zeiten so 
gering werden, dass die Stadtkammerei solche Bausachen . . . zu verlegen bei weitem nicht vermagk." Die 
einsichtige Fürstin half, so gut sie konnte. Die bis dahin zur Ausbesserung des Walles verwandten Tor- und 
Schleusengelder wurden, wie beantragt, nach Beendigung dieser Arbeit zur lnstandsetzung der Brücken und 
Wege bestimmt. Eine weitere Entlastung der Stadtkasse trat dadurch ein, daß die Frage der von der Bürger- 
schaft zu tragenden Servisgelder für die Offiziere und der Einquartierungen neu geregelt wurde. Daß hinter 
den kriegerischen Ereignissen und wirtschaftlichen Sorgen die Kulturaufgaben nicht ganz zurücktraten, zeigt die Er- 
fmdung der Schabekunst durch den Kammerjunker am Casseler Hofe, Ludwig von Siegen, im Jahre 1639. Daß 
aber auch die außergewöhnliche Zeit außergewöhnliche Pläne hervorbringen konnte, lehrt die absonderliche 
und undurchführbare Absicht der Landgräfin, die Juden zwangsweise zum Christentum zu bekehren. 
' Ortsrepositur Cassel. 
Staatsarchiv Marburg. 
 
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