Full text: Kreis Cassel-Stadt : Text, Teil 1 (6)

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Geschichtliche Einleitung. 
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wurde aufgedeckt, der auf seiner Sohle eine Feuerstelle aufwies und vielleicht als Wehrgraben anzusprechen 
ist} Etwa in gleicher Entfernung von der alten Stadt, wie diese in das zweite oder dritte vorchristliche Jahr- 
tausend verlegte Siedelung, aber in nordwestlicher Richtung liegt, ebenfalls an einer Quelle, eine jüngere, der 
geschichtlichen Zeit angehörende Sammlungsstelle, der Centhauptort Ditmold, der in seinem Namen die Er- 
innerung an die sächsische Besiedelung gewahrt hat! Vielleicht hat man in den liberi et seruiles, die nach 
einer Urkunde von 11433 in Ditmold saßen, die freien Franken und die hörig gewordenen Sachsen zu er- 
blicken. Die in der Urkunde gegebene Bezeichnung Märker für die Ortseinwohner zeigt ihre Sonderstellung 
an. Als Diethmelle erscheint 1011, als Tiedmali 1074, als Detmelle im 13. bis 16. Jahrhundert der Ortf, der 
mit dem auf sächsischem Boden gelegenen Detmold gleichsinnig ist und Volksgerichtsstelle bedeutet." Die Be- 
zeichnung „Oberstes Gericht" für die villa Dyetmelle findet sich 1247i Als Platz der Dingstatt"gilt die Höhe 
des Kratzenberges am städtischen Tannenwäldchen und insbesondere die Stelle, wo die Straße nach Kirchdit- 
mold von,der Wehlheider Grenze, etwa der jetzigen Querallee, geschnitten wird. Noch im 18. Jahrhundert 
hieß diese Gegend, bis in die neuere Zeit der Hutebezirk sämtlicher Gemeinden Cassels, das „alte Gericht".' 
lhre Bedeutung als Kultplatz bestätigen die Funde von Totenurnen im 18. Jahrhunderts Die Eigenschaft als 
geheiligte Stätte blieb in christlicher Zeit bestehen. Die Hauptmalstätte wurde der Hauptort eines kirchlichen 
Dekanatssprengels und Sitz eines Erzpriesters. Bis in die erste Hälfte des vorigen Jahrhunderts blieb Kirchdit- 
mold Gerichtshauptort für die fünf Dörfer des sogenannten Kirchspiels: Kirch- und Rothenditmold, Harleshausen, 
Wehlheiden und Wahlershausen, die auch sämtlich eingepfarrt waren. Andere Malstätten sind auf der Höhe 
des Möncheberges, wo sich ebenfalls ein „altes Gericht" findet und im Forst zu suchen, der noch um die 
Mitte des 19. Jahrhunderts als Richtplatz diente und gleichfalls als alte Begräbnisstätte nachgewiesen ist.9 
Cassel selbst tritt zum ersten Male 9131" hervor. Am 18. Februar dieses Jahres stellte König Konrad 
von Franken hier zwei Urkunden aus." Die Anwesenheit des Königs, der auf seinen Regierungsreisen seine 
Kanzlei mit sich führen mußte, und wohl auch Gäste bei sich sah, hat zur Voraussetzung, daß der Platz für 
den Hof die Möglichkeit eines längeren Verweilens bot. Die Eigenschaft Cassels als Königshof darf als sicher 
gelten. Zum Hofe gehörte der 1294 als Gerichtsstelle erscheinende Forst", ein Wort, das gewöhnlich einen 
Wald unter Königsbann bezeichnet. Auch die weitere Umgebung erweist sich als Reichsbesitz, so besonders 
die benachbarte Reichsvilla Wolfsanger", die sich als karolingische Anlage herausstellt, sowie die Reichsgüter 
lhringshausen, Wahnhausen und Speele." Der Gründe für das Vorhandensein von Königsgut am unteren Lauf 
der Fulda _und für die Errichtung eines Herrschaftssitzes auf demselben lassen sich mehrere anführen. Der 
Hof, dessen Alter unbekannt ist, dessen Charakter als karolingische curtis aber kaum zweifelhaft sein kann, 
war wohl in erster Linie als fränkische Grenzfeste gegen die benachbarten Sachsen gedacht, deren Wohnungen 
1 Nach gütiger Mitteilung des Herrn Oberlehrers Dr. H. Hofmeister. 
' Vilmar, Ortsnamen, S. 280. Piderit, Ortsnamen, S. 809. Nebelthau, Denkwürdigkeiten l, S. 245. 
' Justi, Denkwürdigkeiten lVi, S. 81. Schultze, Klöster, Urk. N0. 1360. 
4 Landau, Hessengau, S. 71. Arnold, Ansiedelungen, S. 186. 
' Grimm, Rechtsaltertümer ll, S. 352 f. Kellner, Spaziergänge, S. 96. 
' Gudenus, Cod. dipl. 1, S. 597. 
" Brunner, Kirchditmold. Brunner, Cassel, S. 5 und 18. 
s Casparson, Abhandlung über die Altertümer von Kirchditmold, Handschrift, Landesbibliothek Cassel. Pinder, Ausgrabungen. 
' Fritsch, Forst. . 
" Ältere Annahmen über die geschichtliche Entstehung Cassels bei Winlrelmann, Hessen ll, S. 274, und Kuchenbecker, Anal. 
Hass. lV, S. 245 f. n 
" Mon. Germ. Dipl. Konrad l., N0. 15 und 16. Über weitere Königsaufenthalte in Cassel vgl. Abschnitt „Königshofi Stölzel, 
Anl. Cassels, S. 162 f., nimmt eine Erwähnung Cassels vor dem Jahre 913 an. Die von ihm angezogene Urkunde vom Jahre 947, die von 
der Schenkung einer villa Chasalla unter König Lothar oder Ludwig an Kloster Essen handelt, bezieht sich kaum auf das hessische Cassel. 
Vgl. Schotte, in Zeitschr. d. Ver. f. hess. Gesch. XLVlll, S. 825. 
" Roques, Urk. N0. 80. 
" Vgl. Bd. IV, S. 3 und 371 f. 
" Rübel, Franken, S. 108 und 118. Lange, Franken, S. 62. Eggers, Grundbesitz, S. 10 und 85. 
 
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