Full text: Kreis Cassel-Stadt : Text, Teil 1 (6)

Tafel 11 
Tafel 244,2 
Tafel 434,10 
Tafel 407,1 
unternehmen seinen Kräften zu viel zugemutet hatte. Jedenfalls hatte der Edelmann beim Erbprinzen 
Friedrich, dem nachmaligen Landgrafen von Hessen und König von Schweden, eine Schuld von 12500 Talern stehen, 
welche die Veranlassung wurde, daß das Haus, vermutlich nach dem Tode der Witwe des Erbauers, zum 
Zwangsverkauf kam. 
Bei dieser Gelegenheit erwarb es der Generalleutnant Konrad von Rang oder Ranck, der schon 1716 
darin zur Miete gewohnt hatte} Durch weitem Verkauf im Jahre 1730 kam um den Preis von 14000 Taler 
die Besitzung an den Prinzen Georg, den zehnten Sohn des Landgrafen Karl, der 1755 unvermählt starb und 
das Haus seiner Nichte Charlotte vermachte." Von ihr erwarb es wiederum durch Kauf 1761 Friedrich ll.," 
der das Gebäude als Besuchspalais einrichtete und im zweiten Stockwerk die fürstlichen Edelknaben unterbrachteß 
Der Preis, den der Landgraf für das Inventar zahlte, betrug 6000 Taler. Daß bei der Neueinrichtung des Palais' 
manche Ausstattungsstücke ihren Platz wechselten, ergibt ein Vermerk des Jahres 1762, wonach ein „Dablau" 
in Goldrahmen mit der Darstellung einer türkischen Gesandtschaft, die 1727 Stockholm besucht hatte, an das 
Kunsthaus abgegeben wurde. Eine Erweiterung des Gebäudes nahm Kurfürst Wilhelm ll. vor, indem er auf 
der Hinterfront des Flügels an der Georgenstraße einen Prunksaal, den sogenannten Weißen Saal, einbaute, 
vornehmlich um einen Festraum für die 1825 stattfindende Feier der Hochzeit seiner Tochter, der Prinzessin 
Marie, mit dem Herzog von Sachsen-Meiningen zu gewinnen} Dieser Hauptraum des ganzen Bellevueschlosses 
erlangte dadurch eine gewisse Bedeutung in der hessischen Staatsgeschichte, daß sich hier am 16. Oktober 1830 
die Landstände, seit langer Zeit zum ersten Male wieder einberufen, einfanden, die Verfassung des Landes 
zu beraten. Die Höhe der Mietsforderung wurde die Veranlassung, daß die Sitzungen später in den Stadtbau 
verlegt avurden. Seit Aufhebung des Kurstaates dient das Georgenpalais dem Kommandierenden General des 
Xl. Armeekorps als Dienstwohnung. 
lm Äußern hat sich der ehemalige Adelshof infolge der Umwandlung in ein landesherrliches Schloß 
kaum verändert, dagegen scheint der Grundriß an mehreren Stellen und zu verschiedenen Zeiten umge- 
staltet zu sein. Zum ersten Male findet sich der Lageplan in dem Riß der Oberneustadt um 1720 6 
eingetragen. Er ist als geschlossener Vierflügelbau gezeichnet. Auf den späteren Stadtplänen fehlt der Hofflügel, 
der wohl die Stallungen enthielt und vermutlich entbehrlich wurde, als auf dem umfangreichen Schloßbezirke 
anderweitige Räume für Pferde und Wagen entstanden. Der stattliche Bau 7 besitzt auf der Front nach der 
Bellevue zu sieben und an der Georgenstraße sechzehn Achsen. Wie die übrigen Wohnhäuser der Oberneustadt 
umfaßt er im Aufriß zwei Geschosse. Eine sachliche Klarheit und etwas herbe Schönheit kennzeichnet die 
schlichte Architektur, der man den hugenottischen Ursprung auf den ersten Blick ansieht. Die Einfahrt an der 
Georgenstraße, die durch jonische Pilaster eingefaßt wird, reich geschnitzte, wohl jüngere Torflügel besitzt und 
in einem Segmentbogengiebel die jetzt leeren Kartuschen für das Allianzwappen des Erbauers sowie die Jahres- 
zahl 1709 der Erbauung zeigt, ist dadurch betont, daß sie nebst den beiden anschließenden Fensterachsen 
wenig aus der F_läche vorgezogen ist. Dieses flache Risalit, das sich in seiner Lage nicht mit der Mitte der 
Front deckt, setzt sich über dem Hauptgesimse um ein Geschoß fort und ist mit Dreiecksgiebel abgeschlossen. 
Ein ähnlicher Dachaufbau, jedoch mit Flachbogengiebel überdeckt, findet sich in der Mitte der Bellevueseite, 
die über dem bescheidenen, rechteckigen, jetzt zugesetzten Haupteingang einen langen Balkon mit reizvollen 
Schneckenkonsolen aufweist. lm Übrigen sind die geputzten Fronten gänzlich schlicht gehalten. Nur die Ecken 
zeigen breite Streifeneinfassung. Die rechteckigen Fenster werden von unprofilierten Gewänden umrahmt. 
Beim Mansardendache sind die Gaupen im Wohngeschosse mit Segmentgiebel, im Dachboden mit Dreiecksgiebel 
abgeschlossen. 
1 Stadtarchiv Cassel D 260. ' c 
' Nebelthau, Kollektaneen. Stadtarchiv Cassel. 
' Schminke, Cassel S. 308 f. 
' Engelhard, Erdbeschreibung l S. 107. 
5 Lobe, Wanderungen S. 45. 
' Stadtplan um 1720. 
" Schultze-Naumburg, Kulturarbeiten V Abb. 17. 
 

	        

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