Full text: Kreis Cassel-Stadt : Text, Teil 1 (6)

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Gebäude. 
dem sich verbreiternden Südteile das Rückgrat ab für die gärtnerischen Sonderanlagen, die „Boskets", in deren 
Neuerfindung die Phantasie der Barockgärtner sich nicht genug tun konnte. 
Die künstlerische Entwicklung des Lageplanes der Karlsaue läßt sich an der Hand der Entwürfe 
gut verfolgen. ln der westlichen Symmetriehälfte war am Ende der Nebenallee eine Kaskade, in der östlichen 
ein Gartentheater zu finden. Diese beiden Ausstattungsstücke sind im ersten Entwurfe noch nicht enthalten. 
Sie bilden das Vermächtnis des zweiten Entwurfes, der vom ersten Riß sich wesentlich auch dadurch unter- 
scheidet, daß er die im Quincunxschema angelegten Sondergärten zu beiden Seiten des Bassins mit den Längs- 
achsen nicht parallell zur Hauptallee anordnet, sondern radial auf die Nebenallee einstellt. Die Veranlassung 
zu dieser Planänderung war offenbar die Absicht, die Nebenalleen geradlinig durch die Sondergärten durch- 
zustoßen, sodaß die Kaskade und das Gartentheater als wirksame Endstücke bereits von der Orangerie aus 
sichtbar wurden. Als Folgeerscheinung ergab sich, gleichfalls eine Verbesserung, eine Verbreiterung und 
fächerförmige Gliederung des ganzen Südteils der Karlsaue. Schließlich machte sich die Verschiebung der 
Achsen auch noch bei der Gestaltung des Bassins insofern bemerkbar, als seine Grundform sich vom Rechteck 
in ein Trapez verwandelte. Unabhängig von diesen aus künstlerischen Erwägungen vorgenommenen Änderungen 
erfuhr der zweite Entwurf gegen den ersten noch dadurch eine Vervollkommnung, daß die flankierenden 
Wirtschaftsgärten verlängert und mit einer Rundung abgeschlossen wurden. Noch immer aber fehlte dem 
großen Garten der eigentliche Abschluß, den er erst später hinter dem Scheitel des südlichen Kreisgrabens in 
Form eines kleinen Bassins mit einer Berginsel empfing. Dagegen enthalten die beiden ersten Pläne ein weit 
ausgedehnteres Kanalsystem als es je zur Ausführung gelangte. Nicht nur der ganze Umriß warals eine 
ununterbrochene Wasserstraße geplant, auch die Hauptallee sollte der Länge nach von einem Kanal eingenommen 
werden, daß „man mit Gondolen und kleinen Lust-Schiffgen mit Vergnügen rings herum zwischen den Bäumen 
herfahren kann!" Mit dieser Hauptwasserader sollte nach dem Vorbilde von Versailles, Schleißheim und 
anderen Schlössern das große Bassin in Verbindung stehen, während die Rondele in den Achsen der Neben- 
alleen, gleichfalls Wasserbecken, mit kleinen Stichkanälen die Querverbindung im Grabensystem herstellten. Der 
der Ausführung am nächsten gelegene dritte Entwurf zeigt die Karlsaue schon im Wesentlichen in Über- 
einstimmung mit den späteren Plänen. Hinter dem großen Bassin erhebt sich ein umfangreicher künstlicher 
Berg, von Wasser umgeben. Das verwickelte Kanalnetz erscheint zu Gunsten eines einfacheren Systems 
verworfen und auf einen fortlaufenden Grabenzug rund um die gesamte Aue einschließlich des Orangerie- und 
Lustgartens beschränkt. Alle Querverbindungen sind aufgegeben und nur die Rondele als Wasserbecken beibehalten. 
Geschichtliche Mitteilungen über die Ausführung der Karlsaue sind spärlich. Der Baubeginn der 
Anlagen liegt im Dunkel. Die dürftigen Nachrichten über allerlei Lieferungen, und Arbeiten, die zu Anfang 
des 18. Jahrhunderts in Verbindung mit der Aue auftauchen, mögen einiges Licht über allgemeine Vorbereitungen 
bringen. 1'701 hatte der Hoftöpfer Franz Walpert zu Großalmerode 1000 Stück irdene Röhren für die Aue 
zu beschaffen." Am 18. November desselben Jahres erteilte Landgraf Karl den Befehl, daß die für das nächste 
Jahr einkommenden Tabakslizentgelder „zu dem angefangenen Grottenbau in der Aue" employiert werden solltenß 
Wo diese Grotte lag, ist nicht ersichtlich. Wenn sie aber mit jener Grotte gleichzusetzen ist, die Schminke 4 
in der Nähe des großen Bassins erwähnt und die nur auf der östlichen Symmetriefläche zu suchen ist, so 
müßte dieser Teil der Aue schon zu einer Zeit in Angriff genommen sein, als der Landgraf über das linke 
Ufer der Kleinen Fulda noch nicht verfügte. Vor 1705 muß der Küchengraben angelegt gewesen sein, denn 
in diesem Jahre ist die Rede davon, daß die „Arbeit im Küchengraben", die bis dahin die Untertanen im 
Dienstwege verrichtet hatten, in Zukunft von zwei bis drei Mägden übernommen werden sollte. 1709 berichtet 
Uffenbachf daß „in die mittelste und allergrößte Allee ein Canal gemacht wird, dahinein der Arm von der 
1 Uffenbach, Reisen IS. 24. 
' Ortsrepositur. Staatsarchiv Marburg. 
3 Ortsrepositur. Staatsarchiv Marburg. 
' Cassel S. 181. 
' Reisen I S. 24 ff. 
 
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