Full text: Kreis Cassel-Stadt : Text, Teil 1 (6)

Auch die Teicharbeiten hatten um diese Zeit Fortschritte gemacht. Scholley konnte 1573 dem Land- 
grafen berichten, daß der Eingang am großen Teich nach der Großen Fulda zu aus dem Grund zu beiden 
Seiten mannshoch aufgemauert sei. Mit anderen Anlagen, wie den Vogelhäusern, war man in diesem Jahre 
noch beschäftigt} Ein Pomeranzenhaus, das 1583 eingestürzt war, wurde sogleich wieder aufgebaut. Als 
Kurfürst August von Sachsen 1584 auf einer Durchreise Cassel berührte, trug Landgraf Wilhelm seinem Stadt- 
obristen die Vollendung der Kümpfe in der Aue auf. Die Landknechte, welche die Bestellung versäumten, 
solle er „stecken und pflecken" lassen. Von Arbeiten beim Damm an der Kleinen Fulda, wo eine Schleuse 
eingefallen war, ist 1593 die Rede. „Weil der Lauf aus dem Graben der eingefallenen Schleuse über das 
Wasser herüber viel zu weit, so soll an Erhöhung der Schar am inwendigsten Teich nach dem Lusthause zu 
an den Quittenbrunnen hinaus angefangen werden." 
Die Bepflanzung des Lustgartens besorgte Wilhelm lV., der in der Gartenkultur alle seine Vorgänger 
übertraf, mit größter Sorgfalt. Sein besonderes Augenmerk richtete er auf die Erlangung ausländischer Gewächse. 
Was die fremde Flora Neues und Seltenes brachte, mußten ihm seine hessischen Agenten und Gelehrten, die 
er reisen ließ, besorgen. Selbst Drakes Seereisen und die Anwesenheit des florentinischen Simplizisten Joseph 
de Casa bona in Kandia benutzte Wilhelm, um in den Besitz außergewöhnlicher Sträucher, Kräuter und Blumen 
zu kommen. Die Herzöge von Florenz und Mantua, Maximilian ll., alle deutschen Fürsten unterstützten ihn 
in diesem Unternehmen, worin er in einer Zeit, da die ersten Tulpen und Saffranpflanzen nach Deutschland 
kamen, mit Wien, Augsburg und Stuttgart wetteiferte. In beständigem Verkehr mit ihm standen Joachim 
Camerarius zu Nürnberg und Carolus Clusius zu Wien, welche botanische Schriften und ausländische Blumen 
und Samen lieferten, deren Namen, Vaterland und Eigenschaften der Landgraf genau kannte. Wilhelms Kunst- 
garten wurde für die benachbarten und verwandten Fürstlichkeiten vorbildlichß 
Eine Vergrößerung der Anlagen nahm Landgraf Moritz vor, indem er 1601 dreizehn Acker Landes in 
der Aue gegen ebenso viel Grundfläche auf der Ahne und dem Kratzenberge von seinem Kammermeister 
Wilhelm von Cörenberg eintauschte 4 und in den folgenden Jahren weiteres Land hinzu erwarb. 1604 konnte 
Moritz verfügen: „Nachdem wir mit unsern Unterthanen, so Länderei in der Aue gehabt, einen Auswechsel 
getroffen, also daß wir nunmehr die ganze Aue an uns gebracht; und dann die Stadt Cassel in derselben Aue 
sowohl auf der Länderei als etlichen Trieschen eine Koppelhutensgerechtigkeit mit uns gehabt, so haben wir 
die letztere gleichfalls zu uns ertauscht und der Stadt Cassel dagegen unser Gehölz den Kratzenberg mit den 
dazu gehörigen Trieschen zur Hute und zum Holzgebrauch zugeeignet." 5 Daß der Landgraf in der Folge- 
zeit die Aue als sein alleiniges Eigentum ansah, ergibt ein Bericht des Schultheißen der Stadt vom Jahre 1613, 
daß „auf Veranlassung eines dem Prinzen Otto in der Aue bei einem Geläufe und Gesaufe der Bürger abhanden 
gekommenen Hundes es den Bürgern durch Anzeige an die Gilden und Zünfte das Laufen in der Aue verboten 
sei." 6 Es kann kein Zweifel sein, daß Moritz neben der Erweiterung auch eine gründliche Umgestaltung der 
überkommenen Anlagen vornahm. Bei seiner Vorliebe für die Naturwissenschaften befaßte sich der Landgraf 
nicht nur mit der künstlerischen sondern auch der botanischen Verfassung der Gärten. Die Aufsicht über die 
Pflanzenkulturen und Baumschulen überließ er zwar seinen Leibärzten, aber er selbst zeichnete jeden Plan 
derselben nach allen Abteilungen eigenhändigf Die Neubenennung des Geländes als Moritzaue kennzeichnet 
auch äußerlich die schöpferische Tätigkeit des baulustigen Fürsten. 
Mitteilungen über Einzelheiten der Bauausführung sind spärlich. Gleich im Jahre 1601 ließ Moritz 
zum Schutze der Anlagen einen Damm erbauen. Eine Aufnahme der neu erworbenen Grundstücke nahm der 
' Staatsarchiv Marburg. O. W. S. 110. 
' Staatsarchiv Marburg. M. St. S. 6986. 
' Rommel, Gesch. v. Hessen V S. 728 E. Hahndorf, Carlsaue S. 3. 
' Urk. v. 22. Febr. 1601. Stadtarchiv Cassel V 20. 
ß um. v. 181mm 1604. Stadtarchiv Cassel v 20. 
' Rommel, Gesch. v. Hessen VI S. 414 Anm. 142. 
' Rommel, Gesch. v. Hessen VI S. 426. 
 

	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.