Full text: Kreis Cassel-Stadt : Text, Teil 1 (6)

 
geputzten, von einem Kreisfenster durchbrochenen Flachgiebel in der Mitte der West- und Südfront anzusehen, 
die wie das ganze Dach mit jüngeren Ziegeln gedeckt sind. Wahrscheinlich sollten diese einem inneren 
Bedürfnis nicht entsprechenden Aufbauten dem Hause, das „wegen seiner Ungleichheit in der Bauart nicht das 
beste Ansehen von außen gab", einen monumentaleren Zug geben angesichts der Lage „dem Kunsthause 
gegenüber, zunächst der Oberneustadt; von welcher und besonderst aus der Frankfurter Straße man dasselbe 
gerade vor sich im Gesichte hat". Wenigstens berichtete Engelhardl 1778, daß „vor einigen Jahren dem 
Äußerlichen eine bessere mehr symmetrische Einrichtung gegeben und selbiges mit einem neuen Anstrich ver- 
sehen" sei, eine Verschönerung, die sich 1771 mit 638 Talern gebucht flfldßh, Die rechteckigen Fenster zeigen 
auf den Straßen- und Hoffronten gefaste Sandsteineinfassung, deren Außenkante als Putzgrenze geradlinig abge- 
schnitten ist. Vom Putz selbst fehlt auf den Bruchsteinwänden jeder Rest. Den Zugang bildet eine rund- 
bogige Durchfahrt im Hauptflügel, die unmittelbar auf den Hof führt, so zwar daß ihre Achse auf die rück- 
seitig im Hof mündende Straße lm Sack zuläuft. Die Betonung dieses Durchganges auf den älteren Plänen 
läßt vermuten, daß die Passage früher höhere Bedeutung besaß, als in der Neuzeit, wo der Durchgang gesperrt 
ist. Anscheinend bezeichnet der Weg die Grenze der mittelalterlichen Anlage, deren Grundstück, ehe die 
Freiheit erbaut wurde. allseitig frei lag. Daß das neue Gebäude von Anfang an im Gegensatz zu der etwas 
zurücktretenden mittelalterlichen Anlage in der Häuserflucht der beiden sich treffenden Straßen lag, ergibt die 
mit abgerundeten Quadern eingefaßte Kante an der Kreuzungsstelle. 
Der häufiger veränderte Grundriß, der das Schema des mittelalterlichen Siechenhauses vollkommen 
verläßt, zeigt die Anordnung einfenstriger zumeist nach den Straßenfronten gelegenen Zimmer bei einseitiger 
Flurlage. Der Südflügel enthält im Erdgeschoß die Pförtnerwohnung, der Nordflügel die für Wohnzwecke 
eingerichtete große Küche mit den Resten des Kamins. Ebenfalls als Wohnung durchgebaut ist seit dem 
Jahre 1911 der über der Küche gelegene Betsaal, ein pfostengeteilter rechteckiger Raum, der altes lnventar 
nicht mehr besitztß Das Erdgeschoß ist von der Durchfahrt aus zu betreten. Für die Zugänglichkeit der 
oberen Stockwerke und des Dachbodens sorgen in den Ecken der Hoffronten zwei kreisförmige Wendeltreppen, 
deren schlichte Rechteckportale auch in das Erdgeschoß führen. Von den ungleichseitigen siebeneckigen, teils 
in den Korridor. teils in den Hof vorspringenden Gehäusen dieser Stiegen ist das südliche mit einem Zeltdach 
abgedeckt, in dessen Luke die vom gotischen Bau übernommene kleine Glocke hängt. Das nördliche trägt 
einen Krüppelwalmgiebel als vorderen Abschluß des unregelmäßigen Daches. Die Innenräume, deren Trennungs- 
wände aus Fachwerk bestehen, sind mit geputzten Holzbalkendecken abgeschlossen bis auf die beschränkten 
Keller, die Gewölbe besitzen. 
Der Neubau kann noch nicht lange gestanden haben, als sich seine Erweiterung nötig machte. Diese 
Vergrößerung, der man durch Verlängerung des Südflügels um vier Achsen Rechnung trug, schließt sich, ohne 
in die Eckquaderung einzubinden und die Maße der Fenster genau zu wiederholen, dem alten Bestande auf 
der Außenfront in Technik und Architektur so gleichartig an, daß die Verschiedenheit der Entstehungszeit erst 
bei näherer Prüfung auffällt. Auf der ebenfalls gleichgebildeten Hoffront macht sich der jüngere Teil durch 
einen kleinen Rücksprung bemerkbar, der im Aufriß ein geringes Fallen des Firstes zur Folge hat. Nur zum 
geringeren Teil wird der Erweiterungsbau, der einen Mittelflur und ein eigenes Treppenhaus besitzt, jetzt noch 
für Wohnzwecke ausgenutzt. 
Völlig leer steht zur Zeit der Hinterflügel, der zweite und letzte Anbau, der zwar ebenfalls drei- 
geschossig angelegt ist, aber weder die Hohe noch die Länge des Hauptflügels erreicht. Auch in der Tiefe 
bleibt der Bau, der eine Zimmerflucht ohne Fluranlage besitzt, hinter dem Altbau und der ersten Erweiterung 
zurück. Äußerlich entbehrt der mit Freitreppe versehene Bauteil, der im Erdgeschoß Steinmauerwerk, in 
den Obergeschossen verputztes Fachwerk mit zwei Flachgiebeln aufweist, nicht eines malerischen Reizes, der 
l Erdbeschreibung I S. 96. 
' Summarischer Extrakt der Bauamts-Rechnung de anno 1771. Staatsarchiv Marburg. 
' Orgel jetzt in der Kapelle in Mönchehof. 
 
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