Full text: Kreis Cassel-Stadt : Text, Teil 1 (6)

Gebäude. 
 
Dr. Heinrich Ruhland 1. Indessen schon vorher lassen sich innere Schwierigkeiten feststellen. Seit dem Jahre 
1470 waren Unzulässigkeiten in das Stift eingedrungen. Namentlich richteten sich Klagen gegen den Dechanten 
Konrad Volghard. Allerdings wurden die Beschwerden 1479 beigelegt aber schon 1496 strengere Regeln ein- 
geführt. Um diese Zeit zählte das Stift außer dem Dechanten sieben Kapitulare und fünf Vikare'. Die 
Reformation brachte in das Verhältnis vom Stift zum Landesherrn eine Änderung. 1525 forderte Landgraf 
Philipp, um seinen Verpflichtungen als Mitglied des Schwäbischen Bundes nachzukommen, vom Kapitel 50 Mark 
Silber in bar oder in Silberwerk oder Gold 5. lm selben Jahre nahm er den Lesemeister Johannes de Campis, 
einen der Chorherrn, seinen späteren Hofprediger, in Schutz, gegen den das Kapitel Stellung genommen hatte, 
weil er sich zu stark in der Predigt betätigteä Gleich darauf entschlossen sich die Kanoniker selbst, den 
Meßkult einzustellen, wofür der Landgraf ihnen seine Anerkennung ausprachß. Das Martinsstift wurde zur 
Parochialkirche der Freiheit erklärt. Die Stiftsherren ließen sich meist friedlich abfinden. Aufgeführt werden als 
Mitglieder des Stifts 1526 außer dem Dechanten sechs residierende undvier nicht residierende Kanoniker sowie 
sechs residierende und vier nicht residierende Vikare 6. Das Verzeichnis der 1527 auf Anordnung des Land- 
grafen aufgenommenen Kleinodien und Priestergewänder zeigt einen ansehnlichen Bestandl. Das Silbergerät 
wurde den Stiftsbaumeistern Jakob Weylappe und Adam Fürstenwald zum Bau der Stiftskirche überwiesen. 
Aus seinem Verkauf erzielte man 1533 den Betrag von 207 Gulden 4 Albus und 6 Pfennig? Die Pfründen, 
1527 verschiedenartig verwendet, wurden 1539 nur für kirchliche Zwecke und das städtische Pädagogium be- 
stimmt. Der letzte katholische Dechant, Konrad Pfluck, starb 1537. 
Als Siegelbild des Stiftes erscheint entweder der hl. Martin oder die Mutter Gottes im Verein mit Tafel 1321-5 
diesem Heiligen und der hl. Elisabeth 9. 
Kirche. 
Mitteilungen über den Beginn des Baues fehlen, doch darf angenommen werden, daß 1364 die Arbeiten 
im Gange waren, da in diesem Jahre Landgraf Heinrich die Begründung des Kollegiatstiftes beantragte. 1367 
soll, wie die Congeries" berichtet, die Kirche bereits ausgebaut gewesen sein. Dem war nun freilich nicht 
1 Schultze, Klöster, Urk. N0. 1116. 
2 Nebelthau, Congeries, S. 357. 
' Schnitze, Klöster, Urk. N0. 1185. 
4 Schultze, Klöster, Urk. N0. 1186. 
5 Schultze, Klöster, Urk. N0. 1187. 
' Schultze, Klöster, Urk. N0. 1190. 
7 Das Verzeichnis führt auf: „2 Kelche haben die Herren behalten, einen für die Herren, den andern für die Pfarre; 10 (korrigiert 
aus 14) Kelche sind in den Kasten getan; 2 silberne Kreuze; 2 silberne Becher; 2 silberne Schalen; Herr Paul Rende und Herr Johann 
Plluck haben jeder je einen Kelch, die sie selbst haben machen lassen, behalten; 1 Kelch, welchen die Herren nach dem Tode des Herrn 
Winneck [1526] dem Landgrafen geliefert haben, hat Johann Sachse; 1 kleine Sakramentsbüchse; 1 silbernes Räucherfaß; 1 silberne Monstranz; 
1 silbervergoldete Monstranz mit 2 Schellen; 1 silbervergoldete Monstranz; 1 silbervergoldetes Kreuz; ein Marienbild in silbervergoldetem 
Gehäuse und 1 Ring; 1 silbervergoldetes Kreuz, darin ein Stück vom heil. Kreuz; 1 Tuch, darauf man das heil. Kreuz gelegt hat, mit 
silbernen Spangen, Ringen usw.; ein perlengesticktes Tuch über das heil. Kreuz mit 9 silbernen und etlichen vergoldeten „agni dei", wovon 
eins eine silberne Kette hat, an dem Tuche ist auch ein kleines vergoldetes Kreuz mit Perlen und Steinen und mit einer vergoldeten Kette 
und ein kleines goldenes Kreuz mit 4 Steinen und 4 Perlen; 4 breite silberne Spangen am Tuche; 8 vergoldete Haken (crappen) am Tuche, 
die an Frauenröcken gewesen sind; 8 silberne und vergoldete Meßkannen; 2 Bücher mit silbernen und vergoldeten Bildern des St. Martin 
und der St. Elisabeth auf dem Eiubande; 1 silbervergoldete Paten; 1 rote Samtkasel mit 2 Röcken; 1 braun verblümte Samtkasel mit einem 
breiten Perlenkreuz und 2 Röcken; 1 blaue damastene Kasel mit einem Perlenkreuz; 2 blaue damastene Levitenröcke mit Perlen unten und 
oben auf dem Rücken gestickt; 1 schwarz verblümte alte Samtkasel mit 2 Diakonröcken; 1 weiße damastene Kasel mit 2 Röcken; 1 grüne 
damastene Kasel mit 2 Röcken; 1 rote Samtkasel mit einem goldenen Kreuz und wenig Perlen; 1 braune Samtkasel; 1 silbernes Stück mit 
einem schlechten Kreuz; 3 rote damastene Kaseln; 1 schware Samtkasel mit einem Goldstück verbrämt; ö Chorkappen." Schultze, Klöster, 
Urk. N0. 1198. 
5 Schultze, Klöster, Urk. N0. 1194. 
' Kuchenbecker, Anal. Hass. V., S. 1 u. 24 f. Schmincke, Cassel, S. 44 f., weist wegen des Patronates des hl. Martin auf die 
Beziehungen zu Mainz hin. 
" Nebelthau, Congeries, S. 826. 
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