Full text: Kreis Cassel-Stadt : Text, Teil 1 (6)

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Gebäude. 
 
Stifter. 
Martinsstift. 
Den geistigen Mittelpunkt des Stadtteiles, der 1330 als Gründung Heinrichs ll. von Hessen entstand 
und den Namen Freiheit annahm, bildete die Kirche des hl. Martin. Das Gotteshaus sollte nicht eine Pfarrkirche 
in gewöhnlichem Sinne, sondern der Dorn der Stadt werden. Der Bedeutung der Kirche entsprach die Stellung 
ihrer Geistlichkeit. Was unter den sakralen Bauten Cassels die Martinskirche, wurde unter den geistlichen 
Anstalten der Stadt das Martinsstiftl. ' 
Die Nachrichten fließen im Anfang spärlich. Anzunehmen ist vielleicht, daß der Gedanke der Stiftung 
bei Gründung des neuen Stadtteils entstand. Hatte man doch in der Mitte des Erweiterungsgebietes am höchsten 
Punkte des Geländes einen Platz von erheblichen Abmessungen ausgespart, was wohl nur ausder Absicht zu 
erklären ist, hier ein kirchliches Bauwerk außergewöhnlicher Größe zu errichten. Die Stiftungsurkunde selbst 
ist nicht erhalten. Die Kirche wird zum ersten Male in einer Urkunde genannt, durch die Bruder Heinrich 
von Apolda (Appoldia), Vikar des Erzbischofes von Mainz, allen Reuigen. die das Gotteshaus besuchen, unter 
den üblichen Bedingungen einen Ablaß erteilt '. Datiert ist die Urkunde vom 1. Dezember 1343, doch wird man 
diese Zeitbestimmunglmit großer Vorsicht aufzunehmen haben, da die Urkunde, deren Urschrift verloren ge- 
gangen ist, nur in einem Nachdruck vorliegtß und Gründe vorhanden sind, die eine spätere Entstehungszeit der 
Kirche wahrscheinlich machen. Die hessische Congeries erwähnt eine Gründung oder die Vorbereitung einer 
Gründung zum Jahre 1343 mit keinem Worte. Erst zu Beginn des letzten Drittels des 14. Jahrhunderts ist von 
Bauarbeiten die Rede, deren Fortgang sich zwanglos verfolgen läßt. Anscheinend hat man sogar den Bau einer 
Marienkapelle auf der Freiheit im Jahre 1358 mit der Tatsache in Verbindung zu bringen, daß bis dahin eine 
größere Kirche in diesem Stadtteil fehltef. Indessen ist, die Echtheit der Urkunde vorausgesetzt, die Möglich- 
keit durchaus nicht von der Hand zu weisen, daß tatsächlich 1343 der Bau der Kirche und in Zusammenhang 
hiermit die Errichtung des Stiftes besonders ernstlich in Erwägung gezogen wurde. 
Die eigentliche Gründung erfolgte bestimmt später. lm Jahre 1364 verliehen Landgraf Heinrich und 
dessen Sohn Otto den Domherren zu St. Martin auf der Freiheit zu Cassel das Recht, die ihnen von den 
Landgrafen inkorporierten und verbrieften Kirchen und Altäre bei künftiger Erledigung nach freiem Willen zu 
besetzen 5. Erst zwei Jahre später beauftragte Papst" Urban V. den Bischof von Halberstadt, die Pfarrkirche 
St. Martini zu Cassel in eine Kollegiatkirche umzuwandeln gemäß der Bitte der Landgrafen Heinrich und Otto, der 
Patrone, die diese Umwandlung zu Ehren Marias, des hl. Martin und der hl. Elisabeth, der Urahne der Land- 
grafen, beantragt hatten 6. ln der Kirche sollte, so wurde bestimmt, ein Kollegium oder Kapitel von zwölf 
 
' Dilich, Chronica, S. 125. Kuchenbecker, Anal. hass. V, S. 1 ff. Schmincke, Cassel, S. 349 ff. Rommel, Gesch. v. Hessen ll, 
S. 3. Bach, Kirchenstatistik, S. 39 ff. Nebelthau, Denkwürdigkeiten l, S. 307 ff. Hochhuth, Statistik, S. 11 f. Piderit, Cassel, S. 47 ff, 
88 f., 100 f. Böttcher, Germania l, S. 251. Rady, Kath. Kirche. Wolfl, Unterrichtswesen. Wolfl, Säkularisierung. Brunner, Cassel, 
S. 74 8., 88 fl'., 108 f., 342. Dersch, Klosterbuch, S. 15. 
' Heppe, Kirchengeschichte I, S. 53, läßt bereits eine kleine Kirche an Stelle der angeblich 1343 gebauten vorhanden sein, die 
nun abgerissen sei. 
' Kuchenbecker, Anal. Hass. V, S. 27 f. Vgl. Gudenus, Cod. dipl. lV, S. 807 u. Schultze, Klöster, Urk. No. 748. 
' Vgl. Abschnitt „Marienkapelle". 
5 Schultze, Klöster, Urk. No. 770: Wir Heinrich, von gots gnaden lantgrave zcu Heszin, und wir Otte, sin son, bekennen an 
disem briefe, daz wir unsirn liebin andechtigen und besundirn cappelan, den thumherin zcu sente Mertine uffe unsir fryheit zcu Cassel dise gnade 
habin getan, waz kirhen und altere, dy wir en incorporirit und verbrifit habin, vortmer ledig werden, daz sy ez mit den lehen stellen und 
kerin mogen noch alle irme willen in des egenanten stifftis nutz, also daz dy lude, dy in dy kirchen gehorin, mit den sacramenten bewart 
werden, und wullen dy brife, dy wir en vor dor obir gegebin und dor ynne gefrihet habin, stete und feste unverbruchlich halden. Ouch 
gunnen wir wol, daz dise ersten canonyken ire probende doselbis virweszeln und ufgebin mogen, und ouch, ob sy dyselhen probende ufgebin 
wolden by gesundeme oder kranken liben, vor wen sy uns dan beden und uns den antwortin noch rade derselbin unser canoniken uf der 
fryheit, dy zu Cassel uffe dy zeit wonhalftig sin, den sullin und wullin wir mit den probenden belehnen durch gots willin. 
' Schultze, Klöster, Urk. No. 772 u. 773. 
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