Full text: Kreis Cassel-Stadt : Text, Teil 1 (6)

 
auch auf den Seitenfronten sich wiederholen. Die Fenster in den beiden Untergeschossen sind flach, im 
Oberstock rundbogig geschlossen. Das südliche Gebäude dient zur Zeit, wie auch früher, als Wache. 
Das nördliche Gegenstück, jetzt vom Provinzialschulkollegium benutzt, enthielt ehedem das General-Auditoriat. 
Geschichtlich bemerkenswert ist, daß im Südbau während der Jahre 1814 bis 1821 die Brüder Grimm ihre 
Wohnung hatten 1. 
An das nördliche Torgebäude schließt sich das langgestreckte Haus des jetzigen Oberpräsidiums an. Den 
Zwickel zwischen den beiden Gebäuden füllt ein schmales auf einer Seite abgerundetes Treppenhaus. Eine Treppe 
gleicher Lage, aber vollkommeneren Grundrisses befindet sich am südlichen Torhause, was darauf schließen läßt, 
daß auch hier ein entsprechender Anbau geplant war. Entwürfe sind verschiedene vorhanden '. Tatsächlich sind 
auch an dem Mauerwerk der Ecken Kragsteine sichtbar, welche die Verzahnung für den Anbau abgeben sollten. 
Das in hessischen Zeiten vor den Torhäusern stehende Tor bestand aus einer Staketentür zwischen Gittern. 
Das Weißensteiner Tor" lag im Zuge der Straße nach Weißenstein und ersetzte das alte Wehl- 
heider Tor. Am 4. Mai 1768 wurde durch S. L. du Ry der Grundstein zu diesem Tore gelegtf und 1770 
der Bau vollendet? Die beiden hohen Torpfeiler aus Quadersteinen trugen auf der Kopfplatte je einen aus 
Stein gehauenen Löwen als Schildhalter des hessischen Wappens. Die Aufbringung dieser Bekrönungen am 
14. und 21. Mai galt wichtig genug, in der Chronik vermerkt zu werden f. Die Torflügel aus Holz waren 
braun gestrichen. lnnerhalb des Tores, das den rechteckigen Vorhof und die geschwungenen Flügelmauern besaß, 
standen zu beiden Seiten des Durchgangs einstöckige Torhäuser, die etwas jünger waren". Das nördliche 
war zur Wache bestimmt. Es enthielt zwei Räume für den Wachtkommandanten und die Wachtmannschaft. 
Das andere Gebäude diente als Amtsraum und Wohnung des Torschreibers. An den der Straße zugekehrten 
Seiten dieser Häuser befanden sich Vorhallen mit je vier toskanischen Säulen und breiten. mit Plastik gefüllten 
Giebeln, von denen der auf dem Wachthaus den vergoldeten Namenszug des Landgrafen Friedrich ll., der auf 
dem Torschreiberhaus das hessische Wappen, die Embleme des Krieges und die Jahreszahl 1770, ebenfalls teil- 
weise vergoldet, trug'. Als das alte, am Ende der Königsstraße gelegene Königstor den Namen des Wilhelms- 
höher Tores annahm, änderte sich der Name des Weißensteiner Tores in Königstor, eine Bezeichnung, die 
noch heute besteht. lm Jahre 1809 wurde das Tor beim Anrücken des Schillschen Freikorps auf Befehl des 
Kommandanten vermauert. Zu der Zeit hieß das Tor Napoleonstor. 1813 wurde es wieder geöffnet". Der 
Abbruch des hübschen Bauwerkes erfolgte 1866. Wagners Bemerkung", daß „sowohl die beiden Thorständer, 
wie auch die an beiden Wachthäusern befindlichen Porticus mit ihren in Stein gehauenen Verzierungen unter 
der umsichtigen Leitung des Hof-Maurer- und Steinmetzmeisters G. Crede sorgfältig abgenommen sind und so 
der Nachwelt aufbewahrt werden können" beweist, daß man auch schon damals den architektonischen Wert 
der kleinen Baugruppe erkannte. Der Wunsch des Wiederaufbaues wenigstens der Fagaden ist nicht in Er- 
füllung gegangen. Nur die beiden Löwen von den Pfeilern sind erhalten geblieben. Sie stehen auf den Tor- 
pfeilern zu beiden Seiten des Hintereinganges zur Landesbibliothek. 
Das Wilhelmstor" lag am Ende der Wilhelmsstraße, also dort, wo jetzt die Wolfsschlucht in die 
Wilhelmsstraße einmündet, und war eine einfache Pforte zwischen zwei Pfeilern. Von Engelhard" wird es als 
„das letzte der Oberneustadt" bezeichnet, ein Ausdruck, der wohl auf die Entstehungszeit zu beziehen ist. 
 
' Heidelbach, Kassel, S. 53. 
2 Vgl. Abschnitt „Stadtanlage", S. 57 und Abschnitt „Ständehaus". 
' Heidelbach, Wilhelmshöhe, S. 198 f. 
' Gottsched, Erweiterung, S. 8. 
' Wagner, Vorzeit. 
' Losch, Chroniken, S. 182. 
7 Nach Gerland, Du Ry, S. 129 f., um 1782 erbaut. 
' Wagner, Vorzeit. 
' Wagner, Vorzeit. 
" Wagner, Vorzeit. 
" Losch, Chroniken, S. 138. 
" Erdbeschreibung l, S. 61. 
Tafel 77,l-l u. 
79,1 n. 2 
Tafel 846 
 
Bu- nnd Knnudenkmlkr im Regierungxbezirk Caßel. VI. Cum-Stadt. 

	        

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